Seite - 509 - in Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918 - Metamorphosen einer Sammlung
Bild der Seite - 509 -
Text der Seite - 509 -
BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 509
immer anstandslos angenommen bzw. waren sogar willkommen oder er-
wünscht. Damit werde ich mich weiter unten noch näher befassen. Hier geht
es zunächst um die Frage, wie mit Zusendungen von Privatpersonen in der
Fideikommissbibliothek umgegangen wurde. Geht man den Zeitraum von
1878 bis ca. 1900 anhand der im Archiv der Fideikommissbibliothek doku-
mentierten Einzelfälle durch, so ergibt sich zunächst kein eindeutiges Bild.
Es empfiehlt sich zunächst, die frühesten belegten Gratiszuwendungen im
Betrachtszeitraum im Hinblick auf diesen Gesichtspunkt zu untersuchen.
Im Juni 1877 wandte sich Becker an den Oberstkämmerer Franz Graf
Folliot de Crennville, weil in den vorangegangenen Monaten drei Werke als
Geschenk direkt an die Privatbibliothek des Kaisers gelangt waren. Da er
es nicht innerhalb seiner „Befugnisse“ gelegen betrachtete, „diese Einläufe
zu erledigen“, bat der Bibliotheksdirektor Crenneville, „bei Seiner Majestät
die bezeichneten Bücher zur Aufnahme in die Ah. Privatbibl. in Vorschlag zu
bringen“. Zugleich sollte der Oberstkämmerer im positiven Erledigungsfall –
den Becker anscheinend voraussetzte – dafür sorgen, dass „den betreffenden
Einsendern die Bestätigung der Aufnahme ihrer Werke beziehungsweise
eine Allerhöchste Anerkennung kundgegeben werde“. In einem Fall sprach
er sich jedoch dezidiert dafür aus, dass „ein Kaiserliches Dankschreiben
übermittelt werde.“258 Wir kennen die Reaktion aus dem Oberstkämmerer-
amt nicht; da aber zumindest zwei der drei eingesandten Werke heute in der
Fideikommissbibliothek nachweisbar sind, ist davon auszugehen, dass die
Angelegenheit im Sinne Beckers erledigt wurde.259
Im Oktober des folgenden Jahres hatte Eugen Schnell, Fürstlich-Hohen-
zoller‘scher Hausarchivar in Sigmaringen, „6 literarische Arbeiten zur öster-
reichischen Hausgeschichte […] zur gnädigsten Aufnahme in die k. u. k. Pri-
vat-Bibliothek unterthänigst vorgelegt“. Im Jänner des folgenden Jahres
beschwerte er sich schriftlich, noch keine Antwort erhalten zu haben, und
bat, „durch Ihren Einfluß die Sache und irgend eine Anerkennung für meine
mühsame Arbeit kräftigst fördern zu wollen.“260 Becker antwortete darauf,
dass die besagten Arbeiten niemals in der Fideikommissbibliothek einge-
langt wären, und erklärte ztugleich gegenüber dem Außenministerium,261
„dass der Aufnahme der […] Schriften in die k. k. Fideicommissbibliothek
von meiner Seite kein Hindernis entgegensteht, da dieselben mehr oder min-
258 FKBA28065, fol. 1r u. 1v.
259 „Geschichte der Kais. Kön. Akademie der Bildenden Künste“ (FERD 5.380), „Notizie stori-
che di Pola“ (FERD 5.417).
260 FKBA28106, fol. 1r.
261 Schnell hatte seine Eingabe vorschriftsgemäß an die k. u. k. Gesandtschaft in Stuttgart ge-
richtet, die sie an das Außenministerium weiterleitete.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken