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BIBLIOTHEKSGESCHICHTE 511
diese Funktion gewissermaßen programmatische Bedeutung. Von Karl von
Czoernig, dem Präsidenten der statistischen Verwaltungskommission und
Mitbegründer der Zentralkommission für Kunst und historische Denkmale,
erhielt die Sammlung 1885 sein Werk über die „Die ethnologischen Verhält-
nisse des österreichischen Küstenlandes [...]“.268 Schließlich sind noch der
Historiker Joseph von Aschbach mit seiner bekannten „Geschichte der Wie-
ner Universität“269 und der Wiener Bürgermeister Eduard Uhl zu erwähnen,
von dem die Fideikommissbibliothek die von ihm verfassten Berichte über
„Die Gemeinde-Verwaltung der k. k. Reichshaupt- und Residenzstadt Wien“
in den Jahren 1882–83 erhielt.270
Aus diesem Überblick lässt sich noch ableiten, dass abgesehen von den
oben genannten Voraussetzungen für die Annahme von Schenkungen als
weitere dafür ausschlaggebende Kriterien wohl noch die österreichische
Staatsbürgerschaft der Autoren271 und der Umstand zu werten sind, dass
die von ihnen eingesandten Werke als Austriaca klassifiziert wurden. Diese
Beobachtung geht im Übrigen mit der oben zitierten Absichtsäußerung Be-
ckers, „die Austriaca zu pflegen“, konform.
Ex negativo wird die hier gegebene Beurteilung des Umgangs mit Gra-
tiszuwendungen in der Fideikommissbibliothek bestätigt durch jene Fälle,
in denen Becker die Annahme abgelehnt hat. Als der Sammlung im Jahr
1878 fünf Hefte des „Journal des haras“ aus Paris zugesandt wurden, ließ sie
der Bibliotheksdirektor ohne Angabe von Gründen zurückschicken. Ebenso
verfuhr man 1883 mit einer Sendung von Notendrucken des Komponisten
Maurice Bourges, wobei aus der dazu vorhandenen Korrespondenz hervor-
geht, dass man die erhaltenen Kompositionen nicht als Gratiszuwendung
wahrnahm oder wahrnehmen wollte.272 Obwohl sie genau genommen nicht
268 FKBA31019.
269 FKBA32041.
270 FKBA30125.
271 Dokumentiert ist in den Akten außerdem, dass Becker in den Jahren 1882 und 1884 insge-
samt dreimal Schriften von (nord-)italienischen Autoren als Geschenk angenommen hat.
Es handelt sich um „La vie privée a Venise depuis les premiers temps jusqu’à la chute de la
république“ von Pompeo Molmenti (FKBA30056), eine Sammelsendung von 115 Schriften
der Historiker und Numismatiker Vincenzo und Domenico Promis aus Turin (FKBA30060)
und die „Genealogia della famiglia Sola (De Soris) di Milano“ von Andrea Sola. Da in diesen
Arbeiten historische Themen mit Bezug auf die ehemaligen Gebiete der Monarchie in Nor-
ditalien abgehandelt wurden, war ihre Aufnahme in die Fideikommissbibliothek vermut-
lich nicht unwillkommen.
272 FKBA30122. Der (letztlich gescheiterte) Schenkungsversuch kam dadurch zustande, dass
einer der Nachlassverwalter des 1881 verstorbenen Bourges dessen testamentarischer Ver-
fügung entsprechen wollte, „que ses œuvres soient donner graduitement aux bibliothèques
des differentes capitales“ (fol. 8r). Diese Maßnahme sollte zweifellos dazu dienen, die Werke
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken