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BIBLIOTHEK UND ÖFFENTLICHKEIT 625
die wiederum Kosten für die Restaurierung nach sich gezogen hätten.722 Er
spricht sich deshalb gegen eine neuerliche Versendung aus. Inhaltlich rele-
vant ist die dabei von Becker formulierte Bewertung der Huldigungsadres-
sen, die später nahezu wortgleich im ablehnenden Antwortschreiben an den
Statthalter von Mähren wiederholt worden ist: Es handle sich um „mit den
besten Kunstmitteln hergestellte Weihegeschenke für Allerhöchst Seine
Majestät den Kaiser die unbedingte Fürsorge in Anspruch nehmen sie in
ihrem besten Stande zu erhalten, und alles abzuwenden, was den Kunst-
oder Widmungswert derselben irgendwie beeinträchtigen könnte.“723 Die
Huldigungsadressen waren also sowohl materiell durch ihre künstlerische
Gestaltung als auch ideell aufgrund der in ihnen niedergelegten Ergeben-
heitsbekundungen wertvoll. Im Übrigen hält der Bibliotheksleiter noch ab-
schließend fest, dass „er aus Äusserungen dabei betheiligter Persönlichkei-
ten weiß, dass den Brünner Kunstgewerbetreibenden, um die es sich hier
doch in erster Linie handelt, während der Ausstellung der Adressen im Wie-
ner Kunstmuseum eine vielseitig benützte Gelegenheit geboten wurde, die
Gegenstände zu sehen und zu studieren.“ Die Leihgaben wurden folglich ge-
mäß Beckers Empfehlung vom Kaiser nicht genehmigt und der Bibliotheks-
leiter beauftragt, das Museum davon zu verständigen, dass sein Gesuch „mo-
tiviert“, d. h. begründet, abgelehnt worden wäre.724
In den bisher zitierten Quellen zu Ausstellungen der Huldigungsadressen
ist bereits mehrfach durchgeklungen, dass die primäre Motivation für deren
Präsentation dem Interesse an der künstlerischen Ausgestaltung der Ein-
bände oder Kassetten entsprang. Dass die „Verpackung“ der eigentlichen Do-
kumente zu einer expliziten Formgelegenheit kunstgewerblicher Techniken
werden konnte, hing offensichtlich mit Bemühungen um die Förderung und
Verbesserung der Kunstindustrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert
zusammen.725 Die Ausstellungen der Huldigungsadressen dienten deshalb
nicht bloß dem Konsum künstlerischer Produkte durch die Allgemeinheit;
sie waren zugleich auch Leistungsschauen und Präsentationen von Objekten
mit Modellcharakter. Es verwundert deshalb nicht, dass auch Produzenten
von Adressenveloppes und -kassetten bestrebt waren, ihre Werke öffentlich
zu präsentieren.
722 Ebenda, fol. 4r–v. Die Transportschäden sind auf der Objektliste anlässlich der Rücksen-
dung nach Wien notiert (FKBA29070, fol. 15r–16r), die Transportkosten werden im Verwal-
tungsbericht für das Jahr 1880 mit 45 fl. 36 kr. beziffert (FKBA30001, fol. 3v).
723 Ebenda, fol. 4v und fol. 8r.
724 Ebenda, fol. 6r; Beckers Beantwortungsschreiben ist an den Statthalter von Mähren, Baron
Korb, gerichtet, durch den das Mährische Gewerbemuseum zu verständigen war (fol. 8r–v).
725 Siehe zu dieser Thematik die in Anm. 1507 zitierte Literatur.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken