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BIBLIOTHEK UND ÖFFENTLICHKEIT 683
propagandistischen Charakters, der mit manchen strategischen Plänen in-
nerhalb der Fideikommissbibliothek (Stichworte „Habsburgersammlung“,
„Habsburgermuseum“, vgl. Abschnitt 3.1.1 und Abschnitt 3.3) weitgehend
konformging, würde man erwarten, dass vonseiten der Sammlung der Wille
zur Mitgestaltung der Ausstellung bestanden hätte. Mit dem Umstand,
dass Generaldirektor Emil von Chertek selbst als Mitglied des Veranstal-
tungskomitees fungierte, waren zudem günstige Rahmenbedingungen für
ein solches Engagement gegeben. Aus den Quellen gewinnt man jedoch
den Eindruck, dass weder Chertek noch Schnürer besonders daran gelegen
war, in positivem Sinn Einfluss auf die Ausgestaltung zu nehmen. Im Fall
des letzteren ist dies umso erstaunlicher, als er noch wenige Jahre zuvor
im Rahmen seiner Pläne für ein Habsburgermuseum ausführliche Überle-
gungen darüber anstellte, wie man durch die öffentliche Präsentation der
Habsburgica-Bestände der Fideikommissbibliothek die allgemeine Loyalität
gegenüber Kaiser und Herrschhaus festigen und stärken könnte (vgl. Ab-
schnitt 3.3). Genau dies aber war der offizielle Zweck der Ausstellung „Unser
Kaiser“.
Die für die Durchführung der Ausstellung wichtigste Figur war ein gewis-
ser Fritz Minkus, Direktor der „k. k. Anstalt für Frauen-Hausindustrie“ in
Wien, über den aus den gängigen biografischen Nachschlagewerken nichts
zu erfahren ist. Da die Erlöse der Ausstellung nach dem Willen des Kaisers
wohltätigen Zwecken zugutekommen sollten, und zwar unter anderem der
„weiblich hausindustriellen Arbeiterschaft Oesterreichs“, bestand von die-
ser Seite offensichtlich ein Interesse an ihrer Durchführung und das könnte
auch unmittelbar mit der Berufung von Minkus zum Kurator zusammen-
hängen. Mit der Fideikommissbibliothek hatte er wenige Jahre zuvor bereits
ein paar Mal Kontakt gehabt: Als im Jahr 1905 im Österreichischen Mu-
seum für Kunst und Industrie eine Ausstellung von Spitzen und Porträts –
unter anderem mit Leihgaben aus der Sammlung – veranstaltet wurde,
gehörte Minkus dem Exekutivkomitee an.927 Zwei Jahre später erhielt die
Fideikommissbibliothek ein Prachtwerk über „Österreichische Spitzen“ als
Gratiszuwendung, dessen Textautor er war.928 Aufgrund seiner fachlichen
Kompetenz kann man davon ausgehen, dass Minkus auch für die Auswahl
und Gestaltung jenes Teiles der Ausstellung von 1905 zuständig war, der die
Spitzen betraf. In einem Brief an Schnürer vom 12. August 1908 bezeichnete
er sich als „der persönliche Anreger und der Chargé d’affaires der Ausstel-
lung ‚Unser Kaiser‘“. Die Inspiration dazu wäre ihm durch eine Serie von
Lithografien gekommen, die der Kaiser in seiner Jugend gezeichnet hatte
927 FKBA37082.
928 FKBA37253.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken