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DIE FIDEIKOMMISSBIBLIOTHEK
1914–1919984
an das Kriegsarchiv entlehnt und 1918 von dort entwendet. Dies geht aus
einem Bericht der Staatsanwaltschaft Wien hervor.267 Der Diebstahl war
erst aufgefallen, als die beiden Werke bei der Überprüfung eines Automo-
bils durch das Nebenzollamt Gries am Brenner am 14. März 1920 aufgefun-
den wurden und der Fahrer, ein Trienter Kaufmann namens Gino Pedrotti,
keine Ausfuhrbewilligung für die Werke vorweisen konnte. Es wurde ein
weiterer Band konfisziert, von dem die Provenienz unbekannt blieb.268 Of-
fensichtlich war Franz Schnürer zu diesem Zeitpunkt zufällig selbst in Tirol
und berichtete Payer-Thurn Einzelheiten über die Untersuchung vor Ort.
In seinem Schreiben gibt er an, dass diese Werke noch keine Standortsigna-
tur enthielten, da „die mit dem Numerator eingedrückte (rote und schwarze)
Kasten- und Reihenzahl“ fehlte. Daher war für ihn schon zu diesem Zeit-
punkt klar, dass „das Werk vor der Neuaufstellung, bzw. vor dem Eindrü-
cken dieser Standortabstempelung aus der Bibliothek wegegekommen ist“.
Im Laufe der Ermittlungen wurde, wie bereits erwähnt, auch die Staats-
anwaltschaft Wien aktiv. In ihrem Abschlussbericht wird folgendes bekannt-
gegeben:
„Diese Bücher scheinen nun zur Umsturzzeit im Kriegsarchiv gestohlen wor-
den zu sein. Wer als Täter in Betracht kommt, konnte nicht aufgeklärt wer-
den. Nach dem Umsturze tauchen die Bücher im Geschäfte des Papierhänd-
lers Siegfried Boxer, Wien II. Praterstraße Nr. 65, bzw. Afrikanergasse 14/II
auf, der sie erstanden zu haben behauptet, ohne aber seinen Vormann nennen
zu können. Boxer hat das Geschäft im Dezember 1918 von Heinrich Boschan
gekauft und befaßte sich nebenbei angeblich aus Liebhaberei mit dem An- und
Verkaufe von alten Büchern. Ein gewisser Lino Guetta, Kaufmann in Mai-
land, erstand die beiden Bände bei Boxer um angeblich 400 Lire.“269
Für Guetta wäre auch der Transport nach Italien bestimmt gewesen, die
beiden Bände wurden nach Ende der Ermittlungen wieder an die Fideikom-
missbibliothek zurückgestellt. Unbekannt ist, warum seitens der Fideikom-
missbibliothek der Staatsanwaltschaft nicht mitgeteilt wurde, dass bekannt
ses, darunter zum Beispiel: Des Kaiser Franz’ I. mit dessen eigenhändigen Unterschrift,
dann der Kaiserin Maria Theresia mit deren eigenhändiger Originalaufzeichnung in italie-
nischer Sprache und Unterschrift und so weiter.“ Vgl. FKBA47015, fol. 2v.
267 FKBA47015, fol. 29r-v.
268 Laut der Tatbeschreibung der Nebenzollstelle Gries am Brenner handelte es sich um: Ritu-
ale Romanum Pauli Quinti Pontificis Maximi iussu editum (Trient 1619), vgl. FKBA47015,
fol. 2r.
269 FKBA47015, fol. 29r.
Publikation im Sinne der CC-Lizenz BY 4.0
Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
Metamorphosen einer Sammlung
- Titel
- Die Familien-Fideikommissbibliothek des Hauses Habsburg-Lothringen 1835–1918
- Untertitel
- Metamorphosen einer Sammlung
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2021
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-21308-6
- Abmessungen
- 17.4 x 24.5 cm
- Seiten
- 1073
- Kategorien
- Geschichte Chroniken