Seite - 170 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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auf den Zweifel der Zwangsneurose zurückgezogen hat und uns in dieser Position erfolgreich die
Spitze bietet. Der Kranke hat sich ungefähr gesagt: Das ist ja alles recht schön und interessant.
Ich will es auch gern weiterverfolgen. Es würde meine Krankheit sehr ändern, wenn es wahr
wäre. Aber ich glaube ja gar nicht, daß es wahr ist, und solange ich es nicht glaube, geht es meine
Krankheit nichts an. So kann es lange fortgehen, bis man endlich an diese reservierte Stellung
selbst herangekommen ist und nun der entscheidende Kampf losbricht.
Die intellektuellen Widerstände sind nicht die schlimmsten; man bleibt ihnen immer überlegen.
Aber der Patient versteht es auch, indem er im Rahmen der Analyse bleibt, Widerstände
herzustellen, deren Überwindung zu den schwierigsten technischen Aufgaben gehört. Anstatt sich
zu erinnern, wiederholt er aus seinem Leben solche Einstellungen und Gefühlsregungen, die sich
mittels der sogenannten »Übertragung« zum Widerstand gegen Arzt und Kur verwenden lassen.
Er entnimmt dieses Material, wenn es ein Mann ist, in der Regel seinem Verhältnis zum Vater, an
dessen Stelle er den Arzt treten läßt, und macht somit Widerstände aus seinem Bestreben nach
Selbständigkeit der Person und des Urteiles, aus seinem Ehrgeiz, der sein erstes Ziel darin fand,
es dem Vater gleichzutun oder ihn zu überwinden, aus seinem Unwillen, die Last der
Dankbarkeit ein zweites Mal im Leben auf sich zu laden. Streckenweise empfängt man so den
Eindruck, als hätte beim Kranken die Absicht, den Arzt ins Unrecht zu setzen, ihn seine
Ohnmacht empfinden zu lassen, über ihn zu triumphieren, die bessere Absicht, der Krankheit ein
Ende zu machen, völlig ersetzt. Die Frauen verstehen es meisterhaft, eine zärtliche, erotisch
betonte Übertragung auf den Arzt für die Zwecke des Widerstandes auszubeuten. Bei einer
gewissen Höhe dieser Zuneigung erlischt jedes Interesse für die aktuelle Situation der Kur, jede
der Verpflichtungen, die sie beim Eingehen in dieselbe auf sich genommen hatten, und die nie
ausbleibende Eifersucht sowie die Erbitterung über die unvermeidliche, wenn auch schonend
vorgebrachte Abweisung müssen dazu dienen, das persönliche Einvernehmen mit dem Arzt zu
verderben und so eine der mächtigsten Triebkräfte der Analyse auszuschalten.
Die Widerstände dieser Art dürfen nicht einseitig verurteilt werden. Sie enthalten so viel von dem
wichtigsten Material aus der Vergangenheit des Kranken und bringen es in so überzeugender Art
wieder, daß sie zu den besten Stützen der Analyse werden, wenn eine geschickte Technik es
versteht, ihnen die richtige Wendung zu geben. Es bleibt nur bemerkenswert, daß dieses Material
zunächst immer im Dienste des Widerstandes steht und seine der Behandlung feindselige Fassade
voranstellt. Man kann auch sagen, es seien Charaktereigenschaften, Einstellungen des Ichs,
welche zur Bekämpfung der angestrebten Veränderungen mobil gemacht werden. Man erfährt
dabei, wie diese Charaktereigenschaften im Zusammenhang mit den Bedingungen der Neurose
und in der Reaktion gegen deren Ansprüche gebildet worden sind, und erkennt Züge dieses
Charakters, die sonst nicht, oder nicht in diesem Ausmaße, hervortreten können, die man als
latent bezeichnen kann. Sie sollen auch nicht den Eindruck gewinnen, als erblickten wir in dem
Auftreten dieser Widerstände eine unvorhergesehene Gefährdung der analytischen
Beeinflussung. Nein, wir wissen, daß diese Widerstände zum Vorschein kommen müssen; wir
sind nur unzufrieden, wenn wir sie nicht deutlich genug hervorrufen und dem Kranken nicht
klarmachen können. Ja, wir verstehen endlich, daß die Überwindung dieser Widerstände die
wesentliche Leistung der Analyse und jenes Stück der Arbeit ist, welches uns allein zusichert,
daß wir etwas beim Kranken zustande gebracht haben.
Nehmen Sie noch hinzu, daß der Kranke alle Zufälligkeiten, die sich während der Behandlung
ergeben, im Sinne einer Störung ausnützt, jedes ablenkende Ereignis außerhalb, jede Äußerung
einer der Analyse feindseligen Autorität in seinem Kreise, eine zufällige oder die Neurose
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin