Seite - 171 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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komplizierende organische Erkrankung, ja daß er selbst jede Besserung seines Zustandes als
Motiv für ein Nachlassen seiner Bemühung verwendet, so haben Sie ein ungefähres, noch immer
nicht vollständiges Bild der Formen und der Mittel des Widerstandes gewonnen, unter dessen
Bekämpfung jede Analyse verläuft. Ich habe diesem Punkt eine so ausführliche Behandlung
geschenkt, weil ich Ihnen mitzuteilen habe, daß diese unsere Erfahrung mit dem Widerstände der
Neurotiker gegen die Beseitigung ihrer Symptome die Grundlage unserer dynamischen
Auffassung der Neurosen geworden ist. Breuer und ich selbst haben ursprünglich die
Psychotherapie mit dem Mittel der Hypnose betrieben; Breuers erste Patientin ist durchwegs im
Zustande hypnotischer Beeinflussung behandelt worden; ich bin ihm zunächst darin gefolgt. Ich
gestehe, die Arbeit ging damals leichter und angenehmer, auch in viel kürzerer Zeit, vor sich. Die
Erfolge aber waren launenhaft und nicht andauernd; darum ließ ich endlich die Hypnose fallen.
Und dann verstand ich, daß eine Einsicht in die Dynamik dieser Affektionen nicht möglich
gewesen war, solange man sich der Hypnose bedient hatte. Dieser Zustand wußte gerade die
Existenz des Widerstandes der Wahrnehmung des Arztes zu entziehen. Er schob ihn zurück,
machte ein gewisses Gebiet für die analytische Arbeit frei und staute ihn an den Grenzen dieses
Gebietes so auf, daß er undurchdringlich wurde, ähnlich wie es der Zweifel bei der
Zwangsneurose tut. Darum durfte ich auch sagen, die eigentliche Psychoanalyse hat mit dem
Verzicht auf die Hilfe der Hypnose eingesetzt.
Wenn aber die Konstatierung des Widerstandes so bedeutsam geworden ist, so dürfen wir wohl
einem vorsichtigen Zweifel Raum geben, ob wir nicht allzu leichtfertig in der Annahme von
Widerständen sind. Vielleicht gibt es wirklich neurotische Fälle, in denen die Assoziationen sich
aus anderen Gründen versagen, vielleicht verdienen die Argumente gegen unsere
Voraussetzungen wirklich eine inhaltliche Würdigung und wir tun Unrecht daran, die
intellektuelle Kritik der Analysierten so bequem als Widerstand beiseite zu schieben. Ja, meine
Herren, wir sind aber nicht leichthin zu diesem Urteil gekommen. Wir haben Gelegenheit gehabt,
jeden solchen kritischen Patienten bei dem Auftauchen und nach dem Schwinden eines
Widerstandes zu beobachten. Der Widerstand wechselt nämlich im Laufe einer Behandlung
beständig seine Intensität; er steigt immer an, wenn man sich einem neuen Thema nähert, ist am
stärksten auf der Höhe der Bearbeitung desselben und sinkt mit der Erledigung des Themas
wieder zusammen. Wir haben es auch niemals, wenn wir nicht besondere technische
Ungeschicklichkeiten begangen haben, mit dem vollen Ausmaß des Widerstandes, den ein
Patient leisten kann, zu tun. Wir konnten uns also überzeugen, daß derselbe Mann ungezählte
Male im Laufe der Analyse seine kritische Einstellung wegwirft und wieder aufnimmt. Stehen
wir davor, ein neues und ihm besonders peinliches Stück des unbewußten Materials zum
Bewußtsein zu fördern, so ist er aufs äußerste kritisch; hatte er früher vieles verstanden und
angenommen, so sind diese Erwerbungen jetzt wie weggewischt; er kann in seinem Bestreben
nach Opposition um jeden Preis völlig das Bild eines affektiv Schwachsinnigen ergeben. Ist es
gelungen, ihm zur Überwindung dieses neuen Widerstandes zu verhelfen, so bekommt er seine
Einsicht und sein Verständnis wieder. Seine Kritik ist also keine selbständige, als solche zu
respektierende Funktion, sie ist der Handlanger seiner affektiven Einstellungen und wird von
seinem Widerstand dirigiert. Ist ihm etwas nicht recht, so kann er sich sehr scharfsinnig dagegen
wehren und sehr kritisch erscheinen; paßt ihm aber etwas in seinen Kram, so kann er sich
dagegen sehr leichtgläubig zeigen. Vielleicht sind wir alle nicht viel anders; der Analysierte zeigt
diese Abhängigkeit des Intellekts vom Affektleben nur darum so deutlich, weil wir ihn in der
Analyse in so große Bedrängnis bringen.
Auf welche Weise tragen wir nun der Beobachtung Rechnung, daß sich der Kranke so energisch
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin