Seite - 174 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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ihnen, dank ihrer Energie, den latenten Traum hatte bilden können. Unter der Herrschaft des
unbewußten Systems hatte dieses Material eine Verarbeitung gefunden – die Verdichtung und
Verschiebung –, wie sie im normalen Seelenleben, das heißt im vorbewußten System, unbekannt
oder nur ausnahmsweise zulässig ist. Diese Verschiedenheit der Arbeitsweisen wurde uns zur
Charakteristik der beiden Systeme; das Verhältnis zum Bewußtsein, welches dem Vorbewußten
anhängt, galt uns nur als Zeichen der Zugehörigkeit zu einem der beiden Systeme. Der Traum ist
eben kein pathologisches Phänomen mehr; er kann bei allen Gesunden unter den Bedingungen
des Schlafzustandes auftreten. Jene Annahme über die Struktur des seelischen Apparates, welche
uns in einem die Bildung des Traumes und die der neurotischen Symptome verstehen läßt, hat
einen unabweisbaren Anspruch darauf, auch für das normale Seelenleben in Betracht gezogen zu
werden.
Soviel wollen wir jetzt von der Verdrängung sagen. Sie ist aber nur die Vorbedingung für die
Symptombildung. Wir wissen, das Symptom ist ein Ersatz für etwas, was durch die Verdrängung
verhindert wurde. Aber von der Verdrängung bis zum Verständnis dieser Ersatzbildung ist noch
ein weiter Weg. Auf der anderen Seite des Problems erheben sich im Anschluß an die
Konstatierung der Verdrängung die Fragen: Welche Art von seelischen Regungen unterliegt der
Verdrängung, von welchen Kräften wird sie durchgesetzt, aus welchen Motiven? Dazu ist uns
bisher nur eines gegeben. Wir haben bei der Untersuchung des Widerstandes gehört, daß er von
Kräften des Ichs ausgeht, von bekannten und latenten Charaktereigenschaften. Diese sind es also
auch, die die Verdrängung besorgt haben, oder sie sind wenigstens an ihr beteiligt gewesen. Alles
weitere ist uns noch unbekannt.
Da hilft uns nun die zweite Erfahrung, die ich angekündigt hatte, weiter. Wir können aus der
Analyse ganz allgemein angeben, was die Absicht der neurotischen Symptome ist. Auch das wird
Ihnen nichts Neues sein. Ich habe es Ihnen an zwei Fällen von Neurose schon gezeigt. Aber
freilich, was bedeuten zwei Fälle? Sie haben das Recht zu verlangen, daß es Ihnen
zweihundertmal, ungezählte Male gezeigt werde. Nur das eine, daß ich dies nicht kann. Da muß
wieder die eigene Erfahrung dafür eintreten oder der Glaube, der sich in diesem Punkt auf die
übereinstimmende Angabe aller Psychoanalytiker berufen kann.
Sie erinnern sich daran, daß in zwei Fällen, deren Symptome wir einer eingehenden
Untersuchung unterzogen, die Analyse uns in das Intimste des Sexuallebens dieser Kranken
einweihte. Im ersten Falle haben wir außerdem die Absicht oder Tendenz des untersuchten
Symptoms besonders deutlich erkannt; vielleicht war sie im zweiten Falle durch ein später zu
erwähnendes Moment etwas verdeckt. Nun, dasselbe, was wir an diesen beiden Beispielen
gesehen haben, würden uns alle anderen Fälle zeigen, welche wir der Analyse unterziehen.
Jedesmal würden wir durch die Analyse in die sexuellen Erlebnisse und Wünsche des Kranken
eingeführt werden, und jedesmal müßten wir feststellen, daß ihre Symptome der gleichen Absicht
dienen. Als diese Absicht gibt sich uns die Befriedigung sexueller Wünsche zu erkennen; die
Symptome dienen der Sexualbefriedigung der Kranken, sie sind ein Ersatz für solche
Befriedigung, die sie im Leben entbehren.
Denken Sie an die Zwangshandlung unserer ersten Patientin. Die Frau entbehrt ihren intensiv
geliebten Mann, mit dem sie wegen seiner Mängel und Schwächen das Leben nicht teilen kann.
Sie muß ihm treu bleiben, sie kann keinen anderen an seine Stelle setzen. Ihr Zwangssymptom
gibt ihr, wonach sie sich sehnt, erhöht ihren Mann, verleugnet, korrigiert seine Schwächen, vor
allem seine Impotenz. Dieses Symptom ist im Grunde eine Wunscherfüllung, ganz wie ein
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin