Seite - 175 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Traum, und zwar, was der Traum nicht jedesmal ist, eine erotische Wunscherfüllung. Bei unserer
zweiten Patientin konnten Sie wenigstens entnehmen, daß ihr Zeremoniell den Verkehr der Eltern
verhindern oder hintanhalten will, daß aus demselben ein neues Kind hervorgehe. Sie haben wohl
auch erraten, daß es im Grunde dahin strebt, sie selbst an die Stelle der Mutter zu setzen. Also
wiederum Beseitigung von Störungen in der Sexualbefriedigung und Erfüllung eigener sexueller
Wünsche. Von der angedeuteten Komplikation wird bald die Rede sein.
Meine Herren! Ich möchte dem vorbeugen, daß ich an der Allgemeinheit dieser Behauptungen
nachträglich Abzüge anzubringen habe, und mache Sie darum aufmerksam, daß alles, was ich
hier über Verdrängung, Symptombildung und Symptombedeutung sage, an drei Formen von
Neurosen, der Angsthysterie, der Konversionshysterie und der Zwangsneurose, gewonnen
worden ist und zunächst auch nur für diese Formen gilt. Diese drei Affektionen, die wir als
»Übertragungsneurosen« in einer Gruppe zu vereinigen gewohnt sind, umschreiben auch das
Gebiet, auf welchem sich die psychoanalytische Therapie betätigen kann. Die anderen Neurosen
sind von der Psychoanalyse weit weniger gut studiert worden; bei einer Gruppe derselben ist
wohl die Unmöglichkeit einer therapeutischen Beeinflussung ein Grund für die Zurücksetzung
gewesen. Vergessen Sie auch nicht, daß die Psychoanalyse eine noch sehr junge Wissenschaft ist,
daß sie viel Mühe und Zeit zur Vorbereitung erfordert und daß sie vor gar nicht langer Zeit noch
auf zwei Augen gestanden ist. Doch sind wir an allen Stellen im Begriffe, in das Verständnis
dieser anderen Affektionen, die nicht Übertragungsneurosen sind, einzudringen. Ich hoffe, Ihnen
noch vorführen zu können, welche Erweiterungen unsere Annahmen und Ergebnisse bei der
Anpassung an dieses neue Material erfahren, und Ihnen zu zeigen, daß diese weiteren Studien
nicht zu Widersprüchen, sondern zur Herstellung von höheren Einheitlichkeiten geführt haben.
Wenn also jetzt alles, was hier gesagt wird, für die drei Übertragungsneurosen gilt, so lassen Sie
mich zunächst den Wert der Symptome durch eine neue Mitteilung steigern. Eine vergleichende
Untersuchung über die Anlässe der Erkrankung ergibt nämlich ein Resultat, welches sich in die
Formel fassen läßt, diese Personen erkranken an der Versagung in irgendeiner Weise, wenn ihnen
die Realität die Befriedigung ihrer sexuellen Wünsche vorenthält. Sie erkennen, wie vortrefflich
diese beiden Ergebnisse miteinander stimmen. Die Symptome sind dann erst recht als
Ersatzbefriedigung für die im Leben vermißte zu verstehen.
Gewiß sind noch allerlei Einwendungen gegen den Satz, daß die neurotischen Symptome
sexuelle Ersatzbefriedigungen sind, möglich. Zwei davon will ich heute noch erörtern. Sie
werden, wenn Sie selbst eine größere Anzahl von Neurotikern analytisch untersucht haben, mir
vielleicht kopfschüttelnd berichten: bei einer Reihe von Fällen treffe dies aber gar nicht zu; die
Symptome scheinen da eher die gegenteilige Absicht zu enthalten, die Sexualbefriedigung
auszuschließen oder aufzuheben. Ich werde die Richtigkeit Ihrer Deutung nicht bestreiten. Der
psychoanalytische Sachverhalt pflegt gern etwas komplizierter zu sein, als uns lieb ist. Wenn er
so einfach wäre, hätte es vielleicht nicht der Psychoanalyse bedurft, um ihn ans Licht zu bringen.
Wirklich lassen bereits einige Züge des Zeremoniells bei unserer zweiten Patientin diesen
asketischen, der Sexualbefriedigung feindlichen Charakter erkennen, z. B. wenn sie die Uhren
beseitigt, was den magischen Sinn hat, nächtliche Erektionen zu vermeiden, oder das Fallen und
Brechen von Gefäßen verhüten will, was einem Schutze ihrer Jungfräulichkeit gleichkommt. In
anderen Fällen von Bettzeremoniell, die ich analysieren konnte, war dieser negative Charakter
weit mehr ausgesprochen; das Zeremoniell konnte durchwegs aus Abwehrmaßregeln gegen
sexuelle Erinnerungen und Versuchungen bestehen. Indessen haben wir schon so oft in der
Psychoanalyse erfahren, daß Gegensätze keinen Widerspruch bedeuten. Wir könnten unsere
Behauptung dahin erweitern, die Symptome beabsichtigen entweder eine sexuelle Befriedigung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin