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Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Seite - 179 -
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Dabei kann es nicht den leisesten Zweifel leiden, daß in diesen Tollheiten, Sonderbarkeiten und Gräßlichkeiten wirklich die Sexualbetätigung dieser Menschen gegeben ist. Nicht nur, daß sie es selbst so auffassen und das Ersatzverhältnis verspüren, wir müssen uns auch sagen, es spielt die nämliche Rolle in ihrem Leben wie die normale Sexualbefriedigung in unserem, sie bringen dafür die nämlichen, oft übergroßen Opfer, und es läßt sich im Groben wie im feineren Detail verfolgen, wo sich diese Abnormitäten an das Normale anlehnen und wo sie davon abgehen. Auch daß Sie den Charakter des Unanständigen, welcher der Sexualbetätigung anhaftet, hier wiederfinden, kann Ihnen nicht entgehen; er ist aber zumeist zum Schändlichen gesteigert. Nun, meine Damen und Herren, wie stellen wir uns zu diesen ungewöhnlichen Arten der Sexualbefriedigung? Mit der Entrüstung, der Äußerung unseres persönlichen Widerwillens und der Versicherung, daß wir diese Gelüste nicht teilen, ist offenbar nichts getan. Danach werden wir ja nicht gefragt. Am Ende ist es ein Erscheinungsgebiet wie ein anderes. Eine ablehnende Ausflucht wie, es seien ja nur Raritäten und Kuriositäten, wäre selbst leicht abzuweisen. Es handelt sich im Gegenteil um recht häufige, weit verbreitete Phänomene. Wollte man uns aber sagen, wir brauchten unsere Ansichten über das Sexualleben durch sie nicht beirren zu lassen, weil sie samt und sonders Verirrungen und Entgleisungen des Sexualtriebes darstellen, so wäre eine ernste Antwort am Platze. Wenn wir diese krankhaften Gestaltungen der Sexualität nicht verstehen und sie nicht mit dem normalen Sexualleben zusammenbringen können, so verstehen wir eben auch die normale Sexualität nicht. Kurz, es bleibt eine unabweisbare Aufgabe, von der Möglichkeit der genannten Perversionen und von ihrem Zusammenhang mit der sogenannt normalen Sexualität volle theoretische Rechenschaft zu geben. Dazu werden uns eine Einsicht und zwei neue Erfahrungen verhelfen. Die erstere verdanken wir Iwan Bloch; sie berichtigt die Auffassung all dieser Perversionen als »Degenerationszeichen« durch den Nachweis, daß solche Abirrungen vom Sexualziel, solche Lockerungen des Verhältnisses zum Sexualobjekt von jeher, zu allen uns bekannten Zeiten, bei allen, den primitivsten wie den höchstzivilisierten Völkern vorgekommen sind und sich gelegentlich Duldung und allgemeine Geltung errungen haben. Die beiden Erfahrungen sind bei der psychoanalytischen Untersuchung der Neurotiker gemacht worden; sie müssen unsere Auffassung der sexuellen Perversionen in entscheidender Weise beeinflussen. Wir haben gesagt, daß die neurotischen Symptome sexuelle Ersatzbefriedigungen sind, und ich habe Ihnen angedeutet, daß die Bestätigung dieses Satzes durch die Analyse der Symptome auf manche Schwierigkeiten stoßen wird. Er ist nämlich erst dann berechtigt, wenn wir unter »sexueller Befriedigung« die der sogenannten perversen sexuellen Bedürfnisse mit einschließen, denn eine solche Deutung der Symptome drängt sich uns mit überraschender Häufigkeit auf. Der Ausnahmsanspruch der Homosexuellen oder Invertierten sinkt sofort zusammen, wenn wir erfahren, daß der Nachweis homosexueller Regungen bei keinem einzigen Neurotiker mißlingt und daß eine gute Anzahl von Symptomen dieser latenten Inversion Ausdruck gibt. Die sich selbst Homosexuelle nennen, sind eben nur die bewußt und manifest Invertierten, deren Anzahl neben jener der latent Homosexuellen verschwindet. Wir sind aber genötigt, die Objektwahl aus dem eigenen Geschlecht geradezu als eine regelmäßige Abzweigung des Liebeslebens zu betrachten, und lernen immer mehr, ihr eine besonders hohe Bedeutung zuzuerkennen. Gewiß sind die Unterschiede zwischen der manifesten Homosexualität und dem normalen Verhalten dadurch nicht aufgehoben; ihre praktische Bedeutung bleibt bestehen, aber ihr theoretischer Wert wird ungemein verringert. Von einer bestimmten Affektion, die wir nicht mehr zu den Übertragungsneurosen rechnen können, der Paranoia, nehmen wir sogar an, daß sie gesetzmäßig 179
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Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Titel
Schriften von Sigmund Freud
Untertitel
(1856–1939)
Autor
Sigmund Freud
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
Abmessungen
21.6 x 28.0 cm
Seiten
2789
Schlagwörter
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Kategorien
Geisteswissenschaften
Medizin
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