Seite - 180 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 180 -
Text der Seite - 180 -
aus dem Versuch der Abwehr überstarker homosexueller Regungen hervorgeht. Vielleicht
erinnern Sie sich noch, daß die eine unserer Patientinnen (S. 262 f.) in ihrer Zwangshandlung
einen Mann, ihren eigenen verlassenen Ehemann, agierte; eine solche Produktion von
Symptomen in der Person eines Mannes ist bei neurotischen Frauen sehr gewöhnlich. Wenn es
auch nicht selbst der Homosexualität zuzurechnen ist, so hat es doch mit den Voraussetzungen
derselben viel zu tun.
Wie Sie wahrscheinlich wissen, kann die hysterische Neurose ihre Symptome an allen
Organsystemen machen und dadurch alle Funktionen stören. Die Analyse zeigt, daß dabei alle
pervers genannten Regungen zur Äußerung kommen, welche das Genitale durch andere Organe
ersetzen wollen. Diese Organe benehmen sich dabei wie Ersatzgenitalien; wir sind gerade durch
die Symptomatik der Hysterie zur Auffassung gelangt, daß den Körperorganen außer ihrer
funktionellen Rolle eine sexuelle – erogene – Bedeutung zuzuerkennen ist und daß sie in der
Erfüllung dieser ersteren Aufgabe gestört werden, wenn die letztere sie allzusehr in Anspruch
nimmt. Ungezählte Sensationen und Innervationen, welche uns als Symptome der Hysterie
entgegentreten, an Organen, die anscheinend nichts mit der Sexualität zu tun haben, enthüllen uns
so ihre Natur als Erfüllungen perverser Sexualregungen, bei denen andere Organe die Bedeutung
der Geschlechtsteile an sich gerissen haben. Dann ersehen wir auch, in wie ausgiebiger Weise
gerade die Organe der Nahrungsaufnahme und der Exkretion zu Trägern der Sexualerregung
werden können. Es ist also dasselbe, was uns die Perversionen gezeigt haben, nur war es bei
diesen ohne Mühe und unverkennbar zu sehen, während wir bei der Hysterie erst den Umweg
über die Symptomdeutung machen müssen und dann die betreffenden perversen Sexualregungen
nicht dem Bewußtsein der Individuen zuschreiben, sondern sie in das Unbewußte derselben
versetzen.
Von den vielen Symptombildern, unter denen die Zwangsneurose auftritt, erweisen sich die
wichtigsten als hervorgerufen durch den Drang überstarker sadistischer, also in ihrem Ziel
perverser, Sexualregungen, und zwar dienen die Symptome, wie es der Struktur einer
Zwangsneurose entspricht, vorwiegend der Abwehr dieser Wünsche oder drücken den Kampf
zwischen Befriedigung und Abwehr aus. Aber auch die Befriedigung selbst kommt dabei nicht zu
kurz; sie weiß sich auf Umwegen im Benehmen der Kranken durchzusetzen und wendet sich mit
Vorliebe gegen deren eigene Person, macht sie zu Selbstquälern. Andere Formen der Neurose,
die grüblerischen, entsprechen einer übermäßigen Sexualisierung von Akten, die sich sonst als
Vorbereitungen in den Weg zur normalen Sexualbefriedigung einfügen, vom Sehen-,
Berührenwollen und Forschen. Die große Bedeutung der Berührungsangst und des
Waschzwanges findet hier ihre Aufklärung. Von den Zwangshandlungen geht ein ungeahnt
großer Anteil als verkappte Wiederholung und Modifikation auf die Masturbation zurück, welche
bekanntlich als einzige, gleichförmige Handlung die verschiedenartigsten Formen des sexuellen
Phantasierens begleitet.
Es würde mich nicht viel Mühe kosten, Ihnen die Beziehungen zwischen Perversion und Neurose
noch weit inniger darzustellen, aber ich glaube, das Bisherige wird für unsere Absicht genügen.
Wir müssen uns aber dagegen verwahren, daß wir nach diesen Aufklärungen über die
Symptombedeutung Häufigkeit und Intensität der perversen Neigungen der Menschen
überschätzen. Sie haben gehört, daß man an der Versagung der normalen Sexualbefriedigung
neurotisch erkranken kann. Bei dieser realen Versagung wirft sich aber das Bedürfnis auf die
abnormen Wege der Sexualerregung. Sie werden später einsehen können, wie das zugeht.
Jedenfalls verstehen Sie, daß durch eine solche »kollaterale« Rückstauung die perversen
180
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin