Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geisteswissenschaften
Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Seite - 184 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 184 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)

Bild der Seite - 184 -

Bild der Seite - 184 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)

Text der Seite - 184 -

dagegen mit besonderem Stolz zu betrachten. Ich weiß, daß Sie mich schon längst unterbrechen wollten, um mir zuzurufen: Genug der Ungeheuerlichkeiten! Die Stuhlentleerung soll eine Quelle der sexuellen Lustbefriedigung sein, die schon der Säugling ausbeutet! Der Kot eine wertvolle Substanz, der After eine Art von Genitale! Das glauben wir nicht, aber wir verstehen, warum Kinderärzte und Pädagogen die Psychoanalyse und ihre Resultate weit von sich weg gewiesen haben. Nein, meine Herren! Sie haben bloß vergessen, daß ich Ihnen die Tatsachen des infantilen Sexuallebens im Zusammenhang mit den Tatsachen der sexuellen Perversionen vorführen wollte. Warum sollen Sie nicht wissen, daß der After bei einer großen Anzahl von Erwachsenen, Homosexuellen wie Heterosexuellen, wirklich im Geschlechtsverkehr die Rolle der Scheide übernimmt? Und daß es viele Individuen gibt, welche die Wollustempfindung bei der Stuhlentleerung durch ihr ganzes Leben behalten und sie als gar nicht so gering beschreiben? Was das Interesse am Akt der Defäkation und das Vergnügen beim Zuschauen der Defäkation eines anderen betrifft, so können Sie es von den Kindern selbst bestätigt hören, wenn sie einige Jahre älter geworden sind und Mitteilung davon machen können. Natürlich dürfen Sie diese Kinder nicht vorher systematisch eingeschüchtert haben, sonst verstehen sie wohl, daß sie darüber zu schweigen haben. Und für die anderen Dinge, die Sie nicht glauben wollen, verweise ich Sie auf die Ergebnisse der Analyse und der direkten Kinderbeobachtung und sage Ihnen, es ist geradezu eine Kunst, dies alles nicht oder es anders zu sehen. Ich habe auch gar nichts dagegen, wenn Ihnen die Verwandtschaft der kindlichen Sexualität mit den sexuellen Perversionen recht auffällig wird. Es ist eigentlich selbstverständlich; wenn das Kind überhaupt ein Sexualleben hat, so muß es von perverser Art sein, denn dem Kinde fehlt noch bis auf wenige dunkle Andeutungen, was die Sexualität zur Fortpflanzungsfunktion macht. Anderseits ist es der gemeinsame Charakter aller Perversionen, daß sie das Fortpflanzungsziel aufgegeben haben. In dem Falle heißen wir eine Sexualbetätigung eben pervers, wenn sie auf das Fortpflanzungsziel verzichtet hat und die Lustgewinnung als davon unabhängiges Ziel verfolgt. Sie verstehen also, der Bruch und Wendepunkt in der Entwicklung des Sexuallebens liegt in der Unterordnung desselben unter die Absichten der Fortpflanzung. Alles was vor dieser Wendung vorfällt, ebenso alles, was sich ihr entzogen hat, was allein dem Lustgewinn dient, wird mit dem nicht ehrenvollen Namen des »Perversen« belegt und als solches geächtet. Lassen Sie mich darum in meiner knappen Schilderung der infantilen Sexualität fortfahren. Was ich von zwei Organsystemen berichtet habe, könnte ich durch die Berücksichtigung der anderen vervollständigen. Das Sexualleben des Kindes erschöpft sich eben in der Betätigung einer Reihe von Partialtrieben, die unabhängig voneinander teils am eigenen Körper teils schon am äußeren Objekt Lust zu gewinnen suchen. Unter diesen Organen treten die Genitalien sehr bald hervor; es gibt Menschen, bei denen sich die Lustgewinnung am eigenen Genitale, ohne Beihilfe eines anderen Genitales oder Objekts, ohne Unterbrechung von der Säuglingsonanie bis zur Notonanie der Pubertätsjahre fortsetzt und dann unbestimmt lange darüber hinaus anhält. Mit dem Thema der Onanie würden wir übrigens nicht so bald fertig werden; es ist ein Stoff für vielseitige Betrachtung. Trotz meiner Neigung, das Thema noch weiter zu verkürzen, muß ich Ihnen doch noch einiges über die Sexualforschung der Kinder sagen. Sie ist zu charakteristisch für die kindliche Sexualität und zu bedeutsam für die Symptomatik der Neurosen. Die infantile Sexualforschung beginnt sehr früh, manchmal vor dem dritten Lebensjahr. Sie knüpft nicht an den Geschlechtsunterschied an, der dem Kinde nichts besagt, da es – wenigstens die Knaben – beiden Geschlechtern das 184
zurück zum  Buch Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)"
Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Titel
Schriften von Sigmund Freud
Untertitel
(1856–1939)
Autor
Sigmund Freud
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
Abmessungen
21.6 x 28.0 cm
Seiten
2789
Schlagwörter
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Kategorien
Geisteswissenschaften
Medizin
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Schriften von Sigmund Freud