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normalen Sexualität kein anderer Unterschied, als daß die herrschenden Partialtriebe und somit
die Sexualziele verschiedene sind. Es ist sozusagen hier wie dort eine gut organisierte Tyrannis,
nur daß hier die eine, dort eine andere Familie die Herrschaft an sich gerissen hat. Die infantile
Sexualität ist dagegen im großen und ganzen ohne solche Zentrierung und Organisation, ihre
einzelnen Partialtriebe sind gleichberechtigt, ein jeder geht auf eigene Faust dem Lusterwerb
nach. Der Mangel wie die Anwesenheit der Zentrierung stimmen natürlich gut zu der Tatsache,
daß beide, die perverse wie die normale Sexualität aus der infantilen hervorgegangen sind. Es
gibt übrigens auch Fälle von perverser Sexualität, die weit mehr Ähnlichkeit mit der infantilen
haben, indem sich zahlreiche Partialtriebe unabhängig voneinander mit ihren Zielen durchgesetzt
oder besser: fortgesetzt haben. Man spricht in diesen Fällen richtiger von Infantilismus des
Sexuallebens als von Perversion.
So vorbereitet können wir an die Erörterung eines Vorschlages gehen, der uns sicherlich nicht
erspart werden wird. Man wird uns sagen: Warum steifen Sie sich darauf, die nach ihrem eigenen
Zeugnis unbestimmbaren Äußerungen der Kindheit, aus denen später Sexuelles wird, auch schon
Sexualität zu nennen? Warum wollen Sie sich nicht lieber mit der physiologischen Beschreibung
begnügen und einfach sagen, beim Säugling beobachte man bereits Tätigkeiten, wie das Lutschen
oder das Zurückhalten der Exkremente, die uns zeigen, daß er nach Organlust strebt? Dadurch
würden Sie doch die jedes Gefühl beleidigende Aufstellung eines Sexuallebens für das kleinste
Kind vermieden haben. – Ja, meine Herren, ich habe gar nichts gegen die Organlust
einzuwenden; ich weiß, daß die höchste Lust der sexuellen Vereinigung auch nur eine an die
Tätigkeit der Genitalien gebundene Organlust ist. Aber können Sie mir sagen, wann diese
ursprünglich indifferente Organlust den sexuellen Charakter bekommt, den sie in späteren Phasen
der Entwicklung unzweifelhaft besitzt? Wissen wir von der »Organlust« mehr als von der
Sexualität? Sie werden antworten, der sexuelle Charakter käme eben hinzu, wenn die Genitalien
ihre Rolle zu spielen beginnen; sexuell deckt sich mit genital. Sie werden selbst die Einwendung
der Perversionen ablehnen, indem Sie mir vorhalten, daß es bei den meisten Perversionen doch
auf die Erzielung des genitalen Orgasmus ankomme, wenn auch auf einem anderen Wege als
durch die Vereinigung der Genitalien. Sie schaffen sich wirklich eine weit bessere Position, wenn
Sie aus der Charakteristik des Sexuellen die infolge der Perversionen unhaltbare Beziehung zur
Fortpflanzung streichen und dafür die Genitaltätigkeit voranstellen. Aber dann sind wir nicht
mehr weit auseinander; es stehen einfach die Genitalorgane gegen die anderen Organe. Was
machen Sie nun aber gegen die vielfachen Erfahrungen, die Ihnen zeigen, daß die Genitalien für
die Lustgewinnung durch andere Organe vertreten werden können, wie beim normalen Kuß, wie
in den perversen Praktiken der Lebewelt, wie in der Symptomatik der Hysterie? Bei dieser
Neurose ist es ganz gewöhnlich, daß Reizerscheinungen, Sensationen und Innervationen, selbst
die Vorgänge der Erektion, die an den Genitalien daheim sind, auf andere entfernte
Körperregionen verschoben werden (z.
B. bei der Verlegung nach oben auf Kopf und Gesicht). In
solcher Weise überführt, daß Sie nichts haben, was Sie zur Charakteristik Ihres Sexuellen
festhalten können, werden Sie sich wohl entschließen müssen, meinem Beispiel zu folgen und die
Bezeichnung »sexuell« auch auf die nach Organlust strebenden Betätigungen der frühen Kindheit
auszudehnen.
Und nun wollen Sie zu meiner Rechtfertigung noch zwei weiteren Erwägungen Raum geben.
Wie Sie wissen, heißen wir die zweifelhaften und unbestimmbaren Lustbetätigungen der
frühesten Kindheit sexuell, weil wir auf dem Wege der Analyse von den Symptomen aus über
unbestreitbar sexuelles Material zu ihnen gelangen. Es müßte nicht darum auch selbst sexuell
sein, zugestanden. Aber nehmen Sie einen analogen Fall. Stellen Sie sich vor, wir hätten keinen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin