Seite - 191 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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einer festen Organisation unter dem Primat der Genitalien, durch die unvermeidlichen Züge von
Perversion und natürlich auch durch weit geringere Intensität der ganzen Strebung. Aber die für
die Theorie interessantesten Phasen der Sexual-, oder wie wir sagen wollen, der
Libidoentwicklung, liegen hinter diesem Zeitpunkt. Diese Entwicklung wird so rasch
durchlaufen, daß es der direkten Beobachtung wahrscheinlich niemals gelungen wäre, ihre
flüchtigen Bilder festzuhalten. Erst mit Hilfe der psychoanalytischen Durchforschung der
Neurosen ist es möglich geworden, noch weiter zurückliegende Phasen der Libidoentwicklung zu
erraten. Es sind dies gewiß nichts anderes als Konstruktionen, aber wenn Sie die Psychoanalyse
praktisch betreiben, werden Sie finden, daß es notwendige und nutzbringende Konstruktionen
sind. Wie es zugeht, daß die Pathologie uns hier Verhältnisse verraten kann, welche wir am
normalen Objekt übersehen müssen, werden Sie bald verstehen.
Wir können also jetzt angeben, wie sich das Sexualleben des Kindes gestaltet, ehe der Primat der
Genitalien hergestellt ist, der sich in der ersten infantilen Epoche vor der Latenzzeit vorbereitet
und von der Pubertät an dauernd organisiert. Es besteht in dieser Vorzeit eine Art von lockerer
Organisation, die wir prägenital nennen wollen. Im Vordergrunde dieser Phase stehen aber nicht
die genitalen Partialtriebe, sondern die sadistischen und analen. Der Gegensatz von männlich und
weiblich spielt hier noch keine Rolle; seine Stelle nimmt der Gegensatz zwischen aktiv und
passiv ein, den man als den Vorläufer der sexuellen Polarität bezeichnen kann, mit welcher er
sich auch späterhin verlötet. Was uns an den Betätigungen dieser Phase als männlich erscheint,
wenn wir sie von der Genitalphase her betrachten, erweist sich als Ausdruck eines
Bemächtigungstriebes, der leicht ins Grausame übergreift. Strebungen mit passivem Ziel knüpfen
sich an die um diese Zeit sehr bedeutsame erogene Zone des Darmausganges. Schau- und
Wißtrieb regen sich kräftig; das Genitale nimmt am Sexualleben eigentlich nur in seiner Rolle als
Exkretionsorgan für den Harn Anteil. Es fehlt den Partialtrieben dieser Phase nicht an Objekten,
aber diese Objekte fallen nicht notwendig zu einem Objekt zusammen. Die sadistisch-anale
Organisation ist die nächste Vorstufe für die Phase des Genitalprimats. Ein eingehenderes
Studium weist nach, wieviel von ihr für die spätere endgültige Gestaltung erhalten bleibt und auf
welchen Wegen ihre Partialtriebe zur Einreihung in die neue Genitalorganisation genötigt
werden. Hinter der sadistisch-analen Phase der Libidoentwicklung gewinnen wir noch den
Ausblick auf eine frühere, noch mehr primitive Organisationsstufe, auf welcher die erogene
Mundzone die Hauptrolle spielt. Sie können erraten, daß die Sexualbetätigung des Lutschens ihr
angehört, und dürfen das Verständnis der alten Ägypter bewundern, deren Kunst das Kind, auch
den göttlichen Horus, durch den Finger im Munde charakterisiert. Abraham hat erst kürzlich
Mitteilungen darüber gemacht, welche Spuren diese primitive orale Phase für das Sexualleben
späterer Jahre hinterläßt.
Meine Herren! Ich kann ja vermuten, daß die letzten Mitteilungen über die Sexualorganisationen
Ihnen mehr Belastung als Belehrung gebracht haben. Vielleicht bin ich auch wieder zu weit in
Einzelheiten eingegangen. Aber haben Sie Geduld; was Sie da gehört haben, wird Ihnen durch
spätere Verwendung wertvoller werden. Halten Sie für jetzt an dem Eindruck fest, daß das
Sexualleben – wie wir sagen: die Libidofunktion – nicht als etwas Fertiges auftritt, auch nicht in
seiner eigenen Ähnlichkeit weiterwächst, sondern eine Reihe von aufeinanderfolgenden Phasen
durchmacht, die einander nicht gleichsehen, daß es also eine mehrmals wiederholte Entwicklung
ist wie von der Raupe zum Schmetterling. Wendepunkt der Entwicklung ist die Unterordnung
aller sexuellen Partialtriebe unter den Primat der Genitalien und damit die Unterwerfung der
Sexualität unter die Fortpflanzungsfunktion. Vorher ein sozusagen zerfahrenes Sexualleben,
selbständige Betätigung der einzelnen nach Organlust strebenden Partialtriebe. Diese Anarchie
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin