Seite - 192 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 192 -
Text der Seite - 192 -
gemildert durch Ansätze zu »prägenitalen« Organisationen, zunächst die sadistisch-anale Phase,
hinter ihr die orale, vielleicht die primitivste. Dazu die verschiedenen, noch ungenau bekannten
Prozesse, welche die eine Organisationsstufe in die spätere und nächsthöhere überführen. Welche
Bedeutung es für die Einsicht in die Neurosen hat, daß die Libido einen so langen und
absatzreichen Entwicklungsweg zurücklegt, werden wir ein nächstes Mal erfahren.
Heute werden wir noch eine andere Seite dieser Entwicklung verfolgen, nämlich die Beziehung
der sexuellen Partialtriebe zum Objekt. Vielmehr wir werden einen flüchtigen Überblick über
diese Entwicklung nehmen, um bei einem ziemlich späten Ergebnis derselben länger zu
verweilen. Also einige der Komponenten des Sexualtriebes haben von vorneherein ein Objekt
und halten es fest, so der Bemächtigungstrieb (Sadismus), der Schau- und Wißtrieb. Andere, die
deutlicher an bestimmte erogene Körperzonen geknüpft sind, haben es nur im Anfang, solange
sie sich noch an die nicht sexuellen Funktionen anlehnen, und geben es auf, wenn sie sich von
diesen loslösen. So ist das erste Objekt der oralen Komponente des Sexualtriebes die Mutterbrust,
welche das Nahrungsbedürfnis des Säuglings befriedigt. Im Akte des Lutschens macht sich die
beim Saugen mitbefriedigte erotische Komponente selbständig, gibt das fremde Objekt auf und
ersetzt es durch eine Stelle am eigenen Körper. Der orale Trieb wird autoerotisch, wie es die
analen und die anderen erogenen Triebe von vornherein sind. Die weitere Entwicklung hat, um es
aufs knappste auszudrücken, zwei Ziele: erstens den Autoerotismus zu verlassen, das Objekt am
eigenen Körper wiederum gegen ein fremdes Objekt zu vertauschen, und zweitens: die
verschiedenen Objekte der einzelnen Triebe zu unifizieren, durch ein einziges Objekt zu ersetzen.
Das kann natürlich nur gelingen, wenn dies eine Objekt wiederum ein ganzer, dem eigenen
ähnlicher Körper ist. Es kann sich auch nicht vollziehen, ohne daß eine Anzahl der autoerotischen
Triebregungen als unbrauchbar zurückgelassen wird.
Die Prozesse der Objektfindung sind ziemlich verwickelt, haben bisher auch noch keine
übersichtliche Darstellung gefunden. Heben wir für unsere Absicht hervor, daß, wenn der Prozeß
in den Kinderjahren vor der Latenzzeit einen gewissen Abschluß erreicht hat, das gefundene
Objekt sich als fast identisch erweist mit dem ersten, durch Anlehnung gewonnenen Objekt des
oralen Lusttriebes. Es ist, wenn auch nicht die Mutterbrust, so doch die Mutter. Wir nennen die
Mutter das erste Liebesobjekt. Von Liebe sprechen wir nämlich, wenn wir die seelische Seite der
Sexualstrebungen in den Vordergrund rücken und die zugrundeliegenden körperlichen oder
»sinnlichen« Triebanforderungen zurückdrängen oder für einen Moment vergessen wollen. Um
die Zeit, da die Mutter Liebesobjekt wird, hat auch bereits beim Kinde die psychische Arbeit der
Verdrängung begonnen, welche seinem Wissen die Kenntnis eines Teiles seiner Sexualziele
entzieht. An diese Wahl der Mutter zum Liebesobjekt knüpft nun all das an, was unter dem
Namen des »Ödipuskomplexes« in der psychoanalytischen Aufklärung der Neurosen zu so
großer Bedeutung gekommen ist und einen vielleicht nicht geringeren Anteil an dem Widerstand
gegen die Psychoanalyse gewonnen hat.
Hören Sie eine kleine Begebenheit an, die sich im Laufe dieses Krieges zugetragen hat: Einer der
wackeren Jünger der Psychoanalyse befindet sich als Arzt an der deutschen Front irgendwo in
Polen und erregt die Aufmerksamkeit der Kollegen dadurch, daß er gelegentlich eine unerwartete
Beeinflussung eines Kranken zustande bringt. Auf Befragen bekennt er, daß er mit den Mitteln
der Psychoanalyse arbeitet, und muß sich bereit erklären, den Kollegen von seinem Wissen
mitzuteilen. Allabendlich versammeln sich nun die Ärzte des Korps, Kollegen und Vorgesetzte,
um den Geheimlehren der Analyse zu lauschen. Das geht eine Weile gut, aber nachdem er den
Hörern vom Ödipuskomplex gesprochen hat, erhebt sich ein Vorgesetzter und äußert, das glaube
192
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin