Seite - 194 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Es ist ganz unzweifelhaft, daß man in dem Ödipuskomplex eine der wichtigsten Quellen des
Schuldbewußtseins sehen darf, von dem die Neurotiker so oft gepeinigt werden. Aber noch mehr:
in einer Studie über die Anfänge der menschlichen Religion und Sittlichkeit, die ich 1913 unter
dem Titel Totem und Tabu veröffentlicht habe, ist mir die Vermutung nahe gekommen, daß
vielleicht die Menschheit als Ganzes ihr Schuldbewußtsein, die letzte Quelle von Religion und
Sittlichkeit, zu Beginn ihrer Geschichte am Ödipuskomplex erworben hat. Ich möchte Ihnen
gerne mehr darüber sagen, aber ich unterlasse es besser. Es ist schwer, von diesem Thema
abzubrechen, wenn man mit ihm begonnen hat, und wir müssen zur individuellen Psychologie
zurückkehren.
Was läßt also die direkte Beobachtung des Kindes zur Zeit der Objektwahl vor der Latenzzeit
vom Ödipuskomplex erkennen? Nun, man sieht leicht, daß der kleine Mann die Mutter für sich
allein haben will, die Anwesenheit des Vaters als störend empfindet, unwillig wird, wenn dieser
sich Zärtlichkeiten gegen die Mutter erlaubt, seine Zufriedenheit äußert, wenn der Vater verreist
oder abwesend ist. Häufig gibt er seinen Gefühlen direkten Ausdruck in Worten, verspricht der
Mutter, daß er sie heiraten wird. Man wird meinen, das sei wenig im Vergleich zu den Taten des
Ödipus, aber es ist tatsächlich genug, es ist im Keime dasselbe. Die Beobachtung wird häufig
durch den Umstand verdunkelt, daß dasselbe Kind gleichzeitig bei anderen Gelegenheiten eine
große Zärtlichkeit für den Vater kundgibt; allein solche gegensätzliche – oder besser gesagt:
ambivalente – Gefühlseinstellungen, die beim Erwachsenen zum Konflikt führen würden,
vertragen sich beim Kinde eine lange Zeit ganz gut miteinander, wie sie später im Unbewußten
dauernd nebeneinander Platz finden. Man wird auch einwenden wollen, daß das Benehmen des
kleinen Knaben egoistischen Motiven entspringt und keine Berechtigung zur Aufstellung eines
erotischen Komplexes gibt. Die Mutter sorgt für alle Bedürfnisse des Kindes, und das Kind hat
darum ein Interesse daran, daß sie sich um keine andere Person bekümmere. Auch das ist richtig,
aber es wird bald klar, daß in dieser wie in ähnlichen Situationen das egoistische Interesse nur die
Anlehnung bietet, an welche die erotische Strebung anknüpft. Zeigt der Kleine die unverhüllteste
sexuelle Neugierde für seine Mutter, verlangt er, nachts bei ihr zu schlafen, drängt sich zur
Anwesenheit bei ihrer Toilette auf oder unternimmt er gar Verführungsversuche, wie es die
Mutter so oft feststellen und lachend berichten kann, so ist die erotische Natur der Bindung an die
Mutter doch gegen jeden Zweifel gesichert. Man darf auch nicht vergessen, daß die Mutter
dieselbe Fürsorge für ihr Töchterchen entfaltet, ohne dieselbe Wirkung zu erzielen, und daß der
Vater oft genug mit ihr in der Bemühung um den Knaben wetteifert, ohne daß es ihm gelänge,
sich dieselbe Bedeutung wie die Mutter zu erwerben. Kurz, daß das Moment der geschlechtlichen
Bevorzugung durch keine Kritik aus der Situation zu eliminieren ist. Vom Standpunkt des
egoistischen Interesses wäre es nur unklug von dem kleinen Mann, wenn er nicht lieber zwei
Personen in seinen Diensten dulden würde, als nur eine von ihnen.
Ich habe, wie Sie merken, nur das Verhältnis des Knaben zu Vater und Mutter geschildert. Für
das kleine Mädchen gestaltet es sich mit den notwendigen Abänderungen ganz ähnlich. Die
zärtliche Anhänglichkeit an den Vater, das Bedürfnis, die Mutter als überflüssig zu beseitigen
und ihre Stelle einzunehmen, eine bereits mit den Mitteln der späteren Weiblichkeit arbeitende
Koketterie ergeben gerade beim kleinen Mädchen ein reizvolles Bild, welches uns an den Ernst
und die möglichen schweren Folgen hinter dieser infantilen Situation vergessen läßt. Versäumen
wir nicht hinzuzufügen, daß häufig die Eltern selbst einen entscheidenden Einfluß auf die
Erweckung der Ödipuseinstellung des Kindes üben, indem sie selbst der geschlechtlichen
Anziehung folgen, und wo mehrere Kinder sind, in der deutlichsten Weise der Vater das
Töchterchen und die Mutter den Sohn in ihrer Zärtlichkeit bevorzugen. Aber die spontane Natur
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin