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des kindlichen Ödipuskomplexes kann nicht einmal durch dieses Moment ernstlich erschüttert
werden. Der Ödipuskomplex erweitert sich zum Familienkomplex, wenn andere Kinder
dazukommen. Er motiviert nun mit neuerlicher Anlehnung an die egoistische Schädigung, daß
diese Geschwister mit Abneigung empfangen und unbedenklich durch den Wunsch beseitigt
werden. Diesen Haßempfindungen geben die Kinder sogar in der Regel weit eher wörtlichen
Ausdruck als den aus dem Elternkomplex entspringenden. Geht ein solcher Wunsch in Erfüllung
und nimmt der Tod den unerwünschten Zuwachs binnen kurzem wieder weg, so kann man aus
späterer Analyse erfahren, ein wie wichtiges Erlebnis dieser Todesfall für das Kind gewesen ist,
wiewohl er im Gedächtnis desselben nicht gehaftet zu haben braucht. Das durch die Geburt eines
Geschwisterchens in die zweite Linie gedrängte, für die erste Zeit von der Mutter fast isolierte
Kind vergißt ihr diese Zurückstellung nur schwer; Gefühle, die man beim Erwachsenen als
schwere Erbitterung bezeichnen würde, stellen sich bei ihm ein und werden oft zur Grundlage
einer dauernden Entfremdung. Daß die Sexualforschung mit all ihren Konsequenzen gewöhnlich
an diese Lebenserfahrung des Kindes anknüpft, haben wir schon erwähnt. Mit dem
Heranwachsen dieser Geschwister erfährt die Einstellung zu ihnen die bedeutsamsten
Wandlungen. Der Knabe kann die Schwester zum Liebesobjekt nehmen als Ersatz für die
treulose Mutter; zwischen mehreren Brüdern, die um ein jüngeres Schwesterchen werben,
ergeben sich schon in der Kinderstube die für das spätere Leben bedeutsamen Situationen einer
feindseligen Rivalität. Ein kleines Mädchen findet im älteren Bruder einen Ersatz für den Vater,
der sich nicht mehr wie in den frühesten Jahren zärtlich um sie kümmert, oder sie nimmt eine
jüngere Schwester zum Ersatz für das Kind, das sie sich vergeblich vom Vater gewünscht hat.
Solches und sehr viel mehr von ähnlicher Natur zeigt Ihnen die direkte Beobachtung der Kinder
und die Würdigung ihrer klar erhaltenen, von der Analyse nicht beeinflußten Erinnerungen aus
den Kinderjahren. Sie werden daraus unter anderem den Schluß ziehen, daß die Stellung eines
Kindes in der Kinderreihe ein für die Gestaltung seines späteren Lebens überaus wichtiges
Moment ist, welches in jeder Lebensbeschreibung Rücksicht finden sollte. Aber, was wichtiger
ist, Sie werden sich angesichts dieser mühelos zu gewinnenden Aufklärungen der Äußerungen
der Wissenschaft zur Erklärung des Inzestverbotes nicht ohne Lächeln erinnern können. Was ist
da nicht alles erfunden worden! Die geschlechtliche Neigung soll durch das Zusammenleben von
Kindheit her von den andersgeschlechtlichen Mitgliedern derselben Familie abgelenkt worden
sein, oder eine biologische Tendenz zur Vermeidung der Inzucht soll in der angeborenen
Inzestscheu ihre psychische Repräsentanz finden! Wobei noch ganz vergessen wird, daß es
keines so unerbittlichen Verbotes durch Gesetz und Sitte bedürfte, wenn es irgend verläßliche
natürliche Schranken gegen die Inzestversuchung gäbe. Im Gegenteil liegt die Wahrheit. Die
erste Objektwahl der Menschen ist regelmäßig eine inzestuöse, beim Manne auf Mutter und
Schwester gerichtete, und es bedarf der schärfsten Verbote, um diese fortwirkende infantile
Neigung von der Wirklichkeit abzuhalten. Bei den heute noch lebenden Primitiven, den wilden
Völkern, sind die Inzestverbote noch viel schärfer als bei uns, und kürzlich hat Th. Reik in einer
glänzenden Arbeit gezeigt, daß die Pubertätsriten der Wilden, die eine Wiedergeburt darstellen,
den Sinn haben, die inzestuöse Bindung der Knaben an ihre Mutter aufzuheben und ihre
Versöhnung mit dem Vater herzustellen.
Die Mythologie belehrt Sie, daß der von den Menschen angeblich so verabscheute Inzest
unbedenklich den Göttern zugestanden wird, und aus der alten Geschichte können Sie erfahren,
daß die inzestuöse Schwesterehe für die Person des Herrschers geheiligte Vorschrift war (bei den
alten Pharaonen, den Inkas von Peru). Es handelt sich also um ein der gemeinen Menge versagtes
Vorrecht.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin