Seite - 196 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 196 -
Text der Seite - 196 -
Der Mutterinzest ist das eine Verbrechen des Ödipus, der Vatermord das andere. Nebenbei
erwähnt, es sind auch die beiden großen Verbrechen, welche die erste sozial-religiöse Institution
der Menschen, der Totemismus, verpönt. Wenden wir uns nun von der direkten Beobachtung des
Kindes zur analytischen Erforschung des neurotisch gewordenen Erwachsenen. Was leistet die
Analyse zur weiteren Kenntnis des Ödipuskomplexes? Nun, das ist kurz zu sagen. Sie weist ihn
so auf, wie ihn die Sage erzählt; sie zeigt, daß jeder dieser Neurotiker selbst ein Ödipus war oder,
was auf dasselbe ausgeht, in der Reaktion auf den Komplex ein Hamlet geworden ist. Natürlich
ist die analytische Darstellung des Ödipuskomplexes eine Vergrößerung und Vergröberung der
infantilen Skizze. Der Haß gegen den Vater, die Todeswünsche gegen ihn, sind nicht mehr
schüchtern angedeutet, die Zärtlichkeit für die Mutter bekennt sich zum Ziel, sie als Weib zu
besitzen. Dürfen wir diese grellen und extremen Gefühlsregungen wirklich jenen zarten
Kinderjahren zutrauen oder täuscht uns die Analyse durch die Einmengung eines neuen
Moments? Es ist nicht schwer, ein solches aufzufinden. Jedesmal, wenn ein Mensch über
Vergangenes berichtet, und sei er auch ein Geschichtsschreiber, haben wir in Betracht zu ziehen,
was er unabsichtlich aus der Gegenwart oder aus dazwischenliegenden Zeiten in die
Vergangenheit zurückversetzt, so daß er das Bild derselben fälscht. Im Falle des Neurotikers ist
es sogar fraglich, ob diese Rückversetzung eine ganz und gar unabsichtliche ist; wir werden
Motive für sie später kennenlernen und der Tatsache des »Rückphantasierens« in frühe
Vergangenheit überhaupt gerecht werden müssen. Wir entdecken auch leicht, daß der Haß gegen
den Vater durch eine Anzahl von Motiven verstärkt ist, die aus späteren Zeiten und Beziehungen
stammen, daß die sexuellen Wünsche auf die Mutter in Formen gegossen sind, die dem Kinde
noch fremd sein mußten. Aber es wäre ein vergebliches Bemühen, wenn wir das Ganze des
Ödipuskomplexes durch Rückphantasieren erklären und auf spätere Zeiten beziehen wollten. Der
infantile Kern und auch mehr oder weniger vom Beiwerk bleibt bestehen, wie ihn die direkte
Beobachtung des Kindes bestätigt.
Die klinische Tatsache, die uns hinter der analytisch festgestellten Form des Ödipuskomplexes
entgegentritt, ist nun von der höchsten praktischen Bedeutung. Wir erfahren, daß zur Zeit der
Pubertät, wenn der Sexualtrieb zuerst in voller Stärke seine Ansprüche erhebt, die alten
familiären und inzestuösen Objekte wieder aufgenommen und von neuem libidinös besetzt
werden. Die infantile Objektwahl war nur ein schwächliches, aber Richtung gebendes Vorspiel
der Objektwahl in der Pubertät. Hier spielen sich nun sehr intensive Gefühlsvorgänge in der
Richtung des Ödipuskomplexes oder in der Reaktion auf ihn ab, die aber, weil ihre
Voraussetzungen unerträglich geworden sind, zum großen Teil dem Bewußtsein fernebleiben
müssen. Von dieser Zeit an muß sich das menschliche Individuum der großen Aufgabe der
Ablösung von den Eltern widmen, nach deren Lösung es erst aufhören kann Kind zu sein, um ein
Mitglied der sozialen Gemeinschaft zu werden. Die Aufgabe besteht für den Sohn darin, seine
libidinösen Wünsche von der Mutter zu lösen, um sie für die Wahl eines realen fremden
Liebesobjektes zu verwenden, und sich mit dem Vater zu versöhnen, wenn er in Gegnerschaft zu
ihm verblieben ist, oder sich von seinem Druck zu befreien, wenn er in Reaktion auf die infantile
Auflehnung in die Unterwürfigkeit gegen ihn geraten ist. Diese Aufgaben ergeben sich für
jedermann; es ist beachtenswert, wie selten ihre Erledigung in idealer Weise, d.
h. psychologisch
wie sozial korrekt, gelingt. Den Neurotikern aber gelingt diese Lösung überhaupt nicht, der Sohn
bleibt sein lebelang unter die Autorität des Vaters gebeugt und ist nicht imstande, seine Libido
auf ein fremdes Sexualobjekt zu übertragen. Dasselbe kann mit Veränderung der Beziehung das
Los der Tochter werden. In diesem Sinne gilt der Ödipuskomplex mit Recht als der Kern der
Neurosen.
196
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin