Seite - 197 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Sie ahnen, meine Herren, wie flüchtig ich über eine große Anzahl von praktisch wie theoretisch
bedeutsamen Verhältnissen, die mit dem Ödipuskomplex zusammenhängen, hinwegsetze. Ich
gehe auch auf seine Variationen und seine mögliche Umkehrung nicht ein. Von den entfernteren
Beziehungen desselben will ich Ihnen nur noch andeuten, daß er sich als höchst bestimmend für
die dichterische Produktion erwiesen hat. Otto Rank hat in einem verdienstvollen Buch gezeigt,
daß die Dramatiker aller Zeiten ihre Stoffe hauptsächlich dem Ödipus- und Inzestkomplex,
dessen Variationen und Verschleierungen, entnommen haben. Es soll auch nicht unerwähnt
bleiben, daß die beiden verbrecherischen Wünsche des Ödipuskomplexes längst vor der Zeit der
Psychoanalyse als die richtigen Repräsentanten des ungehemmten Trieblebens erkannt worden
sind. Unter den Schriften des Enzyklopädisten Diderot finden Sie einen berühmten Dialog Le
neveu de Rameau, den kein Geringerer als Goethe deutsch bearbeitet hat. Dort können Sie den
merkwürdigen Satz lesen: Si le petit sauvage était abandonné à lui-même, qu’il conservât toute
son imbécillité et qu’il réunît au peu de raison de l’enfant au berceau la violence des passions de
l’homme de trente ans, il tordrait le col à son père et coucherait avec sa mère.
Aber etwas anderes kann ich nicht übergehen. Die Mutter-Gattin des Ödipus soll uns nicht
vergeblich an den Traum gemahnt haben. Erinnern Sie sich noch des Resultates unserer
Traumanalysen, daß die traumbildenden Wünsche so häufig perverser, inzestuöser Natur sind
oder eine nicht geahnte Feindseligkeit gegen nächste und geliebte Angehörige verraten? Wir
haben es damals unaufgeklärt gelassen, woher diese bösen Regungen stammen. Nun können Sie
sich’s selbst sagen. Es sind frühinfantile, fürs bewußte Leben längst aufgegebene
Unterbringungen der Libido und Objektbesetzungen, die sich nächtlicherweile noch als
vorhanden und als in gewissem Sinne leistungsfähig erweisen. Da aber alle Menschen solche
perverse, inzestuöse und todeswütige Träume haben, nicht bloß die Neurotiker, dürfen wir den
Schluß ziehen, daß auch die heute Normalen den Entwicklungsweg über die Perversionen und die
Objektbesetzungen des Ödipuskomplexes zurückgelegt haben, daß dieser Weg der der normalen
Entwicklung ist, daß die Neurotiker uns nur vergrößert und vergröbert zeigen, was uns die
Traumanalyse auch beim Gesunden verrät. Und dies ist eines der Motive, weshalb wir das
Studium der Träume dem der neurotischen Symptome vorangeschickt haben.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin