Seite - 198 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 198 -
Text der Seite - 198 -
22. Vorlesung
Gesichtspunkte der Entwicklung und Regression. Ätiologie
Meine Damen und Herren! Wir haben gehört, daß die Libidofunktion eine weitläufige
Entwicklung durchmacht, bis sie in der normal genannten Weise in den Dienst der Fortpflanzung
treten kann. Ich möchte Ihnen nun vorführen, welche Bedeutung diese Tatsache für die
Verursachung der Neurosen hat.
Ich glaube, wir befinden uns im Einklang mit den Lehren der allgemeinen Pathologie, wenn wir
annehmen, daß eine solche Entwicklung zweierlei Gefahren mit sich bringt, erstens die der
Hemmung und zweitens die der Regression. Das heißt, bei der allgemeinen Neigung biologischer
Vorgänge zur Variation wird es sich ereignen müssen, daß nicht alle vorbereitenden Phasen
gleich gut durchlaufen und vollständig überwunden werden; Anteile der Funktion werden
dauernd auf diesen frühen Stufen zurückgehalten werden, und dem Gesamtbild der Entwicklung
wird ein gewisses Maß von Entwicklungshemmung beigemengt sein.
Suchen wir uns Analogien zu diesen Vorgängen auf anderen Gebieten. Wenn ein ganzes Volk
seine Wohnsitze verläßt, um neue aufzusuchen, wie es in früheren Perioden der
Menschengeschichte oftmals geschah, so ist es gewiß nicht in seiner Vollzahl an dem neuen Orte
angekommen. Von anderen Verlusten abgesehen, muß es sich regelmäßig zugetragen haben, daß
kleine Haufen oder Verbände der Wanderer unterwegs haltmachten und sich an diesen Stationen
niederließen, während die Hauptmenge weiterzog. Oder, um näherliegende Vergleiche zu suchen,
Sie wissen, daß bei den höchsten Säugetieren die männlichen Keimdrüsen, die ursprünglich tief
im Inneren des Bauchraumes lagern, zu einer gewissen Zeit des Intrauterinlebens eine
Wanderung antreten, die sie fast unmittelbar unter die Haut des Beckenendes geraten läßt. Als
Folge dieser Wanderung findet man bei einer Anzahl von männlichen Individuen, daß eines der
paarigen Organe in der Beckenhöhle zurückgeblieben ist oder daß es eine dauernde Lagerung im
sogenannten Leistenkanal gefunden hat, den beide auf ihrer Wanderung passieren müssen, oder
daß wenigstens dieser Kanal offen geblieben ist, der normalerweise nach Abschluß des
Lagewechsels der Keimdrüsen verwachsen soll.
Als ich als junger Student meine erste wissenschaftliche Arbeit unter der Leitung v. Brückes
ausführte, beschäftigte ich mich mit dem Ursprung der hinteren Nervenwurzeln im Rückenmark
eines kleinen, noch sehr archaisch gebildeten Fisches. Ich fand, daß die Nervenfasern dieser
Wurzeln aus großen Zellen im Hinterhorn der grauen Substanz hervorgehen, was bei anderen
Rückenmarktieren nicht mehr der Fall ist. Aber ich entdeckte auch bald darauf, daß solche
Nervenzellen sich außerhalb der grauen Substanz an der ganzen Strecke bis zum sogenannten
Spinalganglion der hinteren Wurzel vorfinden, woraus ich den Schluß zog, daß die Zellen dieser
Ganglienhaufen aus dem Rückenmark in die Wurzelstrecke der Nerven gewandert sind. Dies
zeigt auch die Entwicklungsgeschichte; bei diesem kleinen Fisch war aber der ganze Weg der
Wanderung durch zurückgebliebene Zellen kenntlich gemacht. Bei tieferem Eingehen wird es
Ihnen nicht schwerfallen, die schwachen Punkte dieser Vergleichungen aufzuspüren. Wir wollen
es darum direkt aussprechen, daß wir es für jede einzelne Sexualstrebung für möglich halten, daß
einzelne Anteile von ihr auf früheren Stufen der Entwicklung zurückgeblieben sind, wenngleich
198
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin