Seite - 202 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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anderem Zusammenhange nochmals von ihr reden müssen.
Sie werden nun den Eindruck haben, daß die Entbehrung durch alle diese Mittel, sie zu ertragen,
zur Bedeutungslosigkeit herabgedrückt worden sei. Aber nein, sie behält ihre pathogene Macht.
Die Gegenmittel sind allgemein nicht ausreichend. Das Maß von unbefriedigter Libido, das die
Menschen im Durchschnitt auf sich nehmen können, ist begrenzt. Die Plastizität oder freie
Beweglichkeit der Libido ist keineswegs bei allen voll erhalten, und die Sublimierung kann
immer nur einen gewissen Bruchteil der Libido erledigen, abgesehen davon, daß die Fähigkeit zu
sublimieren vielen Menschen nur in geringem Ausmaße zugeteilt ist. Die wichtigste unter diesen
Einschränkungen ist offenbar die in der Beweglichkeit der Libido, da sie die Befriedigung des
Individuums von der Erreichung einer sehr geringen Anzahl von Zielen und Objekten abhängig
macht. Erinnern Sie sich nur daran, daß eine unvollkommene Libidoentwicklung sehr ausgiebige,
eventuell auch mehrfache Libidofixierungen an frühe Phasen der Organisation und
Objektfindung hinterläßt, welche einer realen Befriedigung meist nicht fähig sind, so werden Sie
in der Libidofixierung den zweiten mächtigen Faktor erkennen, der mit der Versagung zur
Krankheitsverursachung zusammentritt. In schematischer Verkürzung können Sie es
aussprechen, daß die Libidofixierung den disponierenden, internen, die Versagung den
akzidentellen, externen Faktor der Neurosenätiologie repräsentiert.
Ich ergreife hier die Gelegenheit, Sie vor der Parteinahme in einem ganz überflüssigen Streit zu
warnen. Im wissenschaftlichen Betrieb ist es sehr beliebt, einen Anteil der Wahrheit
herauszugreifen, ihn an die Stelle des Ganzen zu setzen und nun zu seinen Gunsten das übrige,
was nicht minder wahr ist, zu bekämpfen. Auf diesem Wege haben sich auch bereits aus der
psychoanalytischen Bewegung mehrere Richtungen abgespalten, von denen die eine nur die
egoistischen Triebe anerkennt, die sexuellen dagegen verleugnet, die andere nur den Einfluß der
realen Lebensaufgaben würdigt, den der individuellen Vergangenheit aber übersieht u. dgl. mehr.
Nun bietet sich hier ein Anlaß zu einer ähnlichen Entgegenstellung und Streitfrage: Sind die
Neurosen exogene oder endogene Krankheiten, die unausbleibliche Folge einer gewissen
Konstitution oder das Produkt gewisser schädigender (traumatischer) Lebenseindrücke, im
besonderen: werden sie durch die Libidofixierung (und die sonstige Sexualkonstitution) oder
durch den Druck der Versagung hervorgerufen? Dies Dilemma scheint mir im ganzen nicht
weiser als ein anderes, das ich Ihnen vorlegen könnte: Entsteht das Kind durch die Zeugung des
Vaters oder durch die Empfängnis von Seiten der Mutter? Beide Bedingungen sind gleich
unentbehrlich, werden Sie mit Recht antworten. In der Verursachung der Neurosen ist das
Verhältnis, wenn nicht ganz das nämliche, doch ein sehr ähnliches. Für die Betrachtung der
Verursachung ordnen sich die Fälle der neurotischen Erkrankungen zu einer Reihe, innerhalb
welcher beide Momente – Sexualkonstitution und Erleben, oder wenn Sie wollen:
Libidofixierung und Versagung – so vertreten sind, daß das eine wächst, wenn das andere
abnimmt. An dem einen Ende der Reihe stehen die extremen Fälle, von denen Sie mit
Überzeugung sagen können: Diese Menschen wären infolge ihrer absonderlichen
Libidoentwicklung auf jeden Fall erkrankt, was immer sie erlebt hätten, wie sorgfältig sie das
Leben auch geschont hätte. Am anderen Ende stehen die Fälle, bei denen Sie umgekehrt urteilen
müssen, sie wären gewiß der Krankheit entgangen, wenn das Leben sie nicht in diese oder jene
Lage gebracht hätte. Bei den Fällen innerhalb der Reihe trifft ein Mehr oder Minder von
disponierender Sexualkonstitution mit einem Minder oder Mehr von schädigenden
Lebensanforderungen zusammen. Ihre Sexualkonstitution hätte ihnen nicht die Neurose gebracht,
wenn sie nicht solche Erlebnisse gehabt hätten, und diese Erlebnisse hätten nicht traumatisch auf
sie gewirkt, wenn die Verhältnisse der Libido andere gewesen wären. Ich kann in dieser Reihe
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin