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in der Krankheit und im Leben verfolgt. Nur daß es ihr Schicksal geworden ist, sich in erster
Linie mit den Sexualtrieben zu beschäftigen, weil diese durch die Übertragungsneurosen der
Einsicht am ehesten zugänglich geworden sind, und weil es ihr obgelegen hat, das zu studieren,
was andere vernachlässigt hatten.
Es trifft auch nicht zu, daß sich die Psychoanalyse um den nicht sexuellen Anteil der
Persönlichkeit gar nicht gekümmert hat. Gerade die Sonderung von Ich und Sexualität hat uns mit
besonderer Klarheit erkennen lassen, daß auch die Ichtriebe eine bedeutsame Entwicklung
durchmachen, eine Entwicklung, die weder ganz unabhängig von der Libido, noch ohne
Gegenwirkung auf diese ist. Wir kennen allerdings die Ichentwicklung sehr viel schlechter als die
der Libido, weil nämlich erst das Studium der narzißtischen Neurosen eine Einsicht in den
Aufbau des Ichs verspricht. Doch liegt bereits ein beachtenswerter Versuch von Ferenczi vor, die
Entwicklungsstufen des Ichs theoretisch zu konstruieren, und an wenigstens zwei Stellen haben
wir feste Anhaltspunkte für die Beurteilung dieser Entwicklung gewonnen. Wir denken ja nicht
daran, daß sich die libidinösen Interessen einer Person von vornherein im Gegensatz zu ihren
Selbsterhaltungsinteressen befinden; vielmehr wird das Ich auf jeder Stufe bestrebt sein, mit
seiner derzeitigen Sexualorganisation im Einklang zu bleiben und sie sich einzuordnen. Die
Ablösung der einzelnen Phasen in der Libidoentwicklung folgt wahrscheinlich einem
vorgeschriebenen Programm; es ist aber nicht abzuweisen, daß dieser Ablauf von Seiten des Ichs
beeinflußt werden kann, und ein gewisser Parallelismus, eine bestimmte Entsprechung der
Entwicklungsphasen von Ich und Libido dürfte gleichfalls vorgesehen sein; ja, die Störung dieser
Entsprechung könnte ein pathogenes Moment ergeben. Ein für uns wichtiger Gesichtspunkt ist es
nun, wie sich das Ich verhält, wenn seine Libido an einer Stelle ihrer Entwicklung eine starke
Fixierung hinterläßt. Es kann dieselbe zulassen und wird dann in dem entsprechenden Maß
pervers oder, was dasselbe ist, infantil. Es kann sich aber auch ablehnend gegen diese Festsetzung
der Libido verhalten, und dann hat das Ich dort eine Verdrängung, wo die Libido eine Fixierung
erfahren hat.
Auf diesem Wege gelangen wir zur Kenntnis, daß der dritte Faktor der Neurosenätiologie, die
Konfliktneigung, von der Entwicklung des Ichs ebensosehr abhängt wie von der der Libido.
Unsere Einsicht in die Verursachung der Neurosen hat sich also vervollständigt. Zuerst als
allgemeinste Bedingung die Versagung, dann die Fixierung der Libido, welche sie in bestimmte
Richtungen drängt, und zu dritt die Konfliktneigung aus der Ichentwicklung, die solche
Libidoregungen abgelehnt hat. Der Sachverhalt ist also nicht so sehr verworren und schwer zu
durchschauen, wie es Ihnen wahrscheinlich während des Fortschrittes meiner Ausführungen
erschienen ist. Aber freilich, wir werden finden, daß wir noch nicht fertig sind. Wir müssen noch
etwas Neues hinzufügen und etwas bereits Bekanntes weiter zerlegen.
Um Ihnen den Einfluß der Ichentwicklung auf die Konfliktbildung und somit auf die
Verursachung der Neurosen zu demonstrieren, möchte ich Ihnen ein Beispiel vorführen, das zwar
durchaus erfunden ist, aber sich in keinem Punkte von der Wahrscheinlichkeit entfernt. Ich will
es in Anlehnung an den Titel einer Nestroyschen Posse mit der Charakteristik »Zu ebener Erde
und im ersten Stock« versehen. Zu ebener Erde wohnt der Hausbesorger, im ersten Stock der
Hausherr, ein reicher und vornehmer Mann. Beide haben Kinder, und wir wollen annehmen, daß
es dem Töchterchen des Hausherrn gestattet ist, unbeaufsichtigt mit dem Proletarierkind zu
spielen. Dann kann es sehr leicht geschehen, daß die Spiele der Kinder einen ungezogenen, das
heißt sexuellen Charakter annehmen, daß sie »Vater und Mutter« spielen, einander bei den
intimen Verrichtungen beschauen und an den Genitalien reizen. Das Hausmeistermädchen, das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin