Seite - 206 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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trotz seiner fünf oder sechs Jahre manches von der Sexualität der Erwachsenen beobachten
konnte, mag dabei die Rolle der Verführerin übernehmen. Diese Erlebnisse reichen hin, auch
wenn sie sich nicht über lange Zeit fortsetzen, um bei beiden Kindern gewisse sexuelle Regungen
zu aktivieren, die sich nach dem Aufhören der gemeinsamen Spiele einige Jahre hindurch als
Masturbation äußern. Soweit die Gemeinsamkeit; der endliche Erfolg wird bei beiden Kindern
sehr verschieden sein. Die Tochter des Hausbesorgers wird die Masturbation etwa bis zum
Auftreten der Periode fortsetzen, sie dann ohne Schwierigkeit aufgeben, wenige Jahre später
einen Geliebten nehmen, vielleicht auch ein Kind bekommen, diesen oder jenen Lebensweg
einschlagen, der sie vielleicht zur populären Künstlerin führt, die als Aristokratin endigt.
Wahrscheinlich wird ihr Schicksal minder glänzend ausfallen, aber jedenfalls wird sie
ungeschädigt durch die vorzeitige Betätigung ihrer Sexualität, frei von Neurose, ihr Leben
erfüllen. Anders das Töchterchen des Hausherrn. Dies wird frühzeitig und noch als Kind die
Ahnung bekommen, daß es etwas Unrechtes getan habe, wird nach kürzerer Zeit, aber vielleicht
erst nach hartem Kampf, auf die masturbatorische Befriedigung verzichten und trotzdem etwas
Gedrücktes in seinem Wesen behalten. Wenn sie in den Jungmädchenjahren in die Lage kommt,
etwas vom menschlichen Sexualverkehr zu erfahren, wird sie sich mit unerklärtem Abscheu
davon abwenden und unwissend bleiben wollen. Wahrscheinlich unterliegt sie jetzt auch einem
von neuem auftretenden unbezwingbaren Drang zur Masturbation, über den sich zu beklagen sie
nicht wagt. In den Jahren, da sie einem Manne als Weib gefallen soll, wird die Neurose bei ihr
losbrechen, die sie um Ehe und Lebenshoffnung betrügt. Gelingt es nun durch Analyse Einsicht
in diese Neurose zu gewinnen, so zeigt sich, daß dies wohlerzogene, intelligente und
hochstrebende Mädchen seine Sexualregungen vollkommen verdrängt hat, daß diese aber, ihr
unbewußt, an den armseligen Erlebnissen mit ihrer Kinderfreundin haften.
Die Verschiedenheit der beiden Schicksale trotz gleichen Erlebens rührt daher, daß das Ich der
einen eine Entwicklung erfahren hat, welche bei der anderen nicht eingetreten ist. Der Tochter
des Hausbesorgers ist die Sexualbetätigung später ebenso natürlich und unbedenklich erschienen
wie in der Kindheit. Die Tochter des Hausherrn hat die Einwirkung der Erziehung erfahren und
deren Ansprüche angenommen. Ihr Ich hat aus den ihm dargebotenen Anregungen Ideale von
weiblicher Reinheit und Unbedürftigkeit gebildet, mit denen sich die sexuelle Betätigung nicht
verträgt; ihre intellektuelle Ausbildung hat ihr Interesse für die weibliche Rolle, zu der sie
bestimmt ist, erniedrigt. Durch diese höhere moralische und intellektuelle Entwicklung ihres Ichs
ist sie in den Konflikt mit den Ansprüchen ihrer Sexualität geraten.
Ich will heute noch bei einem zweiten Punkt in der Ichentwicklung verweilen, sowohl wegen
gewisser weitschauender Ausblicke, als auch darum, weil gerade das Folgende geeignet ist, die
von uns beliebte, scharfe und nicht selbstverständliche Sonderung der Ichtriebe von den
Sexualtrieben zu rechtfertigen. In der Beurteilung der beiden Entwicklungen, des Ichs wie der
Libido, müssen wir einen Gesichtspunkt voranstellen, der bisher noch nicht oft gewürdigt worden
ist. Beide sind ja im Grunde Erbschaften, abgekürzte Wiederholungen der Entwicklung, welche
die ganze Menschheit von ihren Urzeiten an durch sehr lange Zeiträume zurückgelegt hat. Der
Libidoentwicklung, möchte ich meinen, sieht man diese phylogenetische Herkunft ohne weiteres
an. Denken Sie daran, wie bei der einen Tierklasse der Genitalapparat in die innigste Beziehung
zum Mund gebracht ist, bei der anderen sich vom Exkretionsapparat nicht sondern läßt, bei noch
anderen an die Bewegungsorgane geknüpft ist, Dinge, die Sie in dem wertvollen Buch von
W. Bölsche anziehend geschildert finden. Man sieht bei den Tieren sozusagen alle Arten von
Perversion zur Sexualorganisation erstarrt. Nur wird der phylogenetische Gesichtspunkt beim
Menschen zum Teil durch den Umstand verschleiert, daß das, was im Grunde vererbt ist, doch in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin