Seite - 208 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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und allgemeiner beschreiben können als durch die Betonung des Lustgewinnes. Wir können
sagen, der seelische Apparat diene der Absicht, die von außen und von innen an ihn
herantretenden Reizmengen, Erregungsgrößen, zu bewältigen und zu erledigen. Von den
Sexualtrieben ist es ohne weiteres evident, daß sie zu Anfang wie zu Ende ihrer Entwicklung auf
Lustgewinn arbeiten; sie behalten diese ursprüngliche Funktion ohne Abänderung bei. Das
nämliche streben auch die anderen, die Ichtriebe, anfänglich an. Aber unter dem Einfluß der
Lehrmeisterin Not lernen die Ichtriebe bald, das Lustprinzip durch eine Modifikation zu ersetzen.
Die Aufgabe, Unlust zu verhüten, stellt sich für sie fast gleichwertig neben die des Lustgewinns;
das Ich erfährt, daß es unvermeidlich ist, auf unmittelbare Befriedigung zu verzichten, den
Lustgewinn aufzuschieben, ein Stück Unlust zu ertragen und bestimmte Lustquellen überhaupt
aufzugeben. Das so erzogene Ich ist »verständig« geworden, es läßt sich nicht mehr vom
Lustprinzip beherrschen, sondern folgt dem Realitätsprinzip, das im Grunde auch Lust erzielen
will, aber durch die Rücksicht auf die Realität gesicherte, wenn auch aufgeschobene und
verringerte Lust.
Der Übergang vom Lust- zum Realitätsprinzip ist einer der wichtigsten Fortschritte in der
Entwicklung des Ichs. Wir wissen schon, daß die Sexualtriebe dieses Stück der Ichentwicklung
spät und nur widerstrebend mitmachen, und werden später hören, welche Folgen es für den
Menschen hat, daß seine Sexualität sich mit einem so lockeren Verhältnis zur äußeren Realität
begnügt. Und nun zum Schlusse noch eine hierher gehörige Bemerkung. Wenn das Ich des
Menschen seine Entwicklungsgeschichte hat wie die Libido, so werden Sie nicht überrascht sein
zu hören, daß es auch »Ichregressionen« gibt, und werden auch wissen wollen, welche Rolle
diese Rückkehr des Ichs zu früheren Entwicklungsphasen bei den neurotischen Erkrankungen
spielen kann.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin