Seite - 214 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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unscheinbares, aber lehrreiches Vorbild. Dasselbe Kind, das mit Gier die Milch aus der
Mutterbrust gesogen hat, pflegt einige Jahre später einen starken Widerwillen gegen Milchgenuß
zu äußern, dessen Überwindung der Erziehung Schwierigkeiten bereitet. Dieser Widerwille
steigert sich bis zum Abscheu, wenn die Milch oder das mit ihr versetzte Getränk von einem
Häutchen überzogen ist. Es ist vielleicht nicht abzuweisen, daß diese Haut die Erinnerung an die
einst so heiß begehrte Mutterbrust heraufbeschwört. Dazwischen liegt allerdings das traumatisch
wirkende Erlebnis der Abgewöhnung.
Es ist noch etwas anderes, was uns die Symptome merkwürdig und als Mittel der libidinösen
Befriedigung unverständlich erscheinen läßt. Sie erinnern uns so gar nicht an all das, wovon wir
normalerweise eine Befriedigung zu erwarten pflegen. Sie sehen meist vom Objekt ab und geben
damit die Beziehung zur äußeren Realität auf. Wir verstehen dies als Folge der Abwendung vom
Realitäts- und der Rückkehr zum Lustprinzip. Es ist aber auch eine Rückkehr zu einer Art von
erweitertem Autoerotismus, wie er dem Sexualtrieb die ersten Befriedigungen bot. Sie setzen an
die Stelle einer Veränderung der Außenwelt eine Körperveränderung, also eine innere Aktion an
die Stelle einer äußeren, eine Anpassung anstatt einer Handlung, was wiederum einer in
phylogenetischer Hinsicht höchst bedeutsamen Regression entspricht. Wir werden das erst im
Zusammenhange mit einer Neuheit verstehen, die wir noch aus den analytischen Untersuchungen
über die Symptombildung zu erfahren haben. Ferner erinnern wir uns, daß bei der
Symptombildung die nämlichen Prozesse des Unbewußten wie bei der Traumbildung mitgewirkt
haben, die Verdichtung und Verschiebung. Das Symptom stellt wie der Traum etwas als erfüllt
dar, eine Befriedigung nach Art der infantilen, aber durch äußerste Verdichtung kann diese
Befriedigung in eine einzige Sensation oder Innervation gedrängt, durch extreme Verschiebung
auf eine kleine Einzelheit des ganzen libidinösen Komplexes eingeschränkt sein. Es ist kein
Wunder, wenn auch wir häufig Schwierigkeiten haben, in dem Symptom die vermutete und
jedesmal bestätigte libidinöse Befriedigung zu erkennen.
Ich habe Ihnen angekündigt, daß wir noch etwas Neues zu erfahren haben; es ist wirklich etwas
Überraschendes und Verwirrendes. Sie wissen, durch die Analyse von den Symptomen aus
kommen wir zur Kenntnis der infantilen Erlebnisse, an welche die Libido fixiert ist und aus
denen die Symptome gemacht werden. Nun, die Überraschung liegt darin, daß diese
Infantilszenen nicht immer wahr sind. Ja, sie sind in der Mehrzahl der Fälle nicht wahr und in
einzelnen Fällen im direkten Gegensatz zur historischen Wahrheit. Sie sehen ein, daß dieser Fund
wie kein anderer dazu geeignet ist, entweder die Analyse zu diskreditieren, die zu solchem
Ergebnis geführt hat, oder die Kranken, auf deren Aussagen die Analyse wie das ganze
Verständnis der Neurosen aufgebaut ist. Außerdem ist aber noch etwas ungemein Verwirrendes
dabei. Wenn die durch die Analyse zutage geförderten infantilen Erlebnisse jedesmal real wären,
hätten wir das Gefühl, uns auf sicherem Boden zu bewegen, wenn sie regelmäßig gefälscht
wären, sich als Erfindungen, als Phantasien der Kranken enthüllten, müßten wir diesen
schwankenden Boden verlassen und uns auf einen anderen retten. Aber es ist weder so noch so,
sondern der Sachverhalt ist nachweisbar der, daß die in der Analyse konstruierten oder erinnerten
Kindererlebnisse einmal unstreitig falsch sind, das andere Mal aber ebenso sicher richtig und in
den meisten Fällen aus Wahrem und Falschem gemengt. Die Symptome sind also dann bald die
Darstellung von Erlebnissen, die wirklich stattgefunden haben und denen man einen Einfluß auf
die Fixierung der Libido zuschreiben darf, und bald die Darstellung von Phantasien des Kranken,
die sich zu einer ätiologischen Rolle natürlich gar nicht eignen. Es ist schwer, sich darin
zurechtzufinden. Einen ersten Anhalt finden wir vielleicht an einer ähnlichen Entdeckung, daß
nämlich die vereinzelten Kindheitserinnerungen, welche die Menschen von jeher und vor jeder
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin