Seite - 215 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Analyse bewußt in sich getragen haben, gleichfalls gefälscht sein können oder wenigstens
reichlich Wahres mit Falschem vermengen. Der Nachweis der Unrichtigkeit macht hier selten
Schwierigkeiten, und so haben wir wenigstens die eine Beruhigung, daß an dieser unerwarteten
Enttäuschung nicht die Analyse, sondern irgendwie die Kranken die Schuld tragen.
Nach einiger Überlegung verstehen wir leicht, was uns an dieser Sachlage so verwirrt. Es ist die
Geringschätzung der Realität, die Vernachlässigung des Unterschiedes zwischen ihr und der
Phantasie. Wir sind in Versuchung beleidigt zu sein, daß uns der Kranke mit erfundenen
Geschichten beschäftigt hat. Die Wirklichkeit erscheint uns als etwas von der Erfindung
himmelweit Verschiedenes, und sie genießt bei uns eine ganz andere Einschätzung. Denselben
Standpunkt nimmt übrigens auch der Kranke in seinem normalen Denken ein. Wenn er jenes
Material vorbringt, welches hinter den Symptomen zu den Wunschsituationen führt, die den
Kindererlebnissen nachgebildet sind, so sind wir allerdings anfangs im Zweifel, ob es sich um
Wirklichkeit oder um Phantasien handelt. Später wird uns die Entscheidung durch gewisse
Kennzeichen ermöglicht, und wir stehen vor der Aufgabe, sie auch dem Kranken
bekanntzugeben. Dabei geht es nun auf keinen Fall ohne Schwierigkeiten ab. Eröffnen wir ihm
gleich zu Beginn, daß er jetzt im Begriffe ist, die Phantasien zum Vorschein zu bringen, mit
denen er sich seine Kindheitsgeschichte verhüllt hat, wie jedes Volk durch Sagenbildung seine
vergessene Vorzeit, so bemerken wir, daß sein Interesse für die weitere Verfolgung des Themas
plötzlich in unerwünschter Weise absinkt. Er will auch Wirklichkeiten erfahren und verachtet alle
»Einbildungen«. Lassen wir ihn aber bis zur Erledigung dieses Stückes der Arbeit im Glauben,
daß wir mit der Erforschung der realen Begebenheiten seiner Kinderjahre beschäftigt sind, so
riskieren wir, daß er uns später Irrtum vorwirft und uns wegen unserer scheinbaren
Leichtgläubigkeit verlacht. Für den Vorschlag, Phantasie und Wirklichkeit gleichzustellen und
sich zunächst nicht darum zu kümmern, ob die zu klärenden Kindererlebnisse das eine oder das
andere seien, hat er lange Zeit kein Verständnis. Und doch ist dies offenbar die einzig richtige
Einstellung zu diesen seelischen Produktionen. Auch sie besitzen eine Art von Realität; es bleibt
eine Tatsache, daß der Kranke sich solche Phantasien geschaffen hat, und diese Tatsache hat
kaum geringere Bedeutung für seine Neurose, als wenn er den Inhalt dieser Phantasien wirklich
erlebt hätte. Diese Phantasien besitzen psychische Realität im Gegensatz zur materiellen, und wir
lernen allmählich verstehen, daß in der Welt der Neurosen die psychische Realität die
maßgebende ist.
Unter den Begebenheiten, die in der Jugendgeschichte der Neurotiker immer wiederkehren, kaum
je zu fehlen scheinen, sind einige von besonderer Wichtigkeit, die ich darum auch einer
Hervorhebung vor den anderen für würdig halte. Ich zähle Ihnen als Muster dieser Gattung auf:
die Beobachtung des elterlichen Verkehres, die Verführung durch eine erwachsene Person und
die Kastrationsandrohung. Es wäre ein großer Irrtum anzunehmen, daß ihnen niemals materielle
Realität zukommt; diese ist im Gegenteil oft einwandfrei durch Nachforschung bei älteren
Angehörigen zu erweisen. So ist es z. B. gar keine Seltenheit, daß dem kleinen Knaben, welcher
unartig mit seinem Glied zu spielen beginnt und noch nicht weiß, daß man solche Beschäftigung
verbergen muß, von Eltern oder von Pflegepersonen gedroht wird, man werde ihm das Glied oder
die sündigende Hand abschneiden. Die Eltern gestehen es auf Nachfrage oft ein, da sie mit
solcher Einschüchterung etwas Zweckmäßiges getan zu haben glauben; manche Menschen haben
eine korrekte, bewußte Erinnerung an diese Drohung, besonders dann, wenn sie in etwas späteren
Jahren erfolgt ist. Wenn die Mutter oder eine andere weibliche Person die Drohung ausspricht, so
schiebt sie ihre Ausführung gewöhnlich dem Vater oder dem – Arzt zu. In dem berühmten
Struwwelpeter des Frankfurter Kinderarztes Hoffmann, der seine Beliebtheit gerade dem
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin