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24. Vorlesung
Die gemeine Nervosität
Meine Damen und Herren! Nachdem wir in den letzten Besprechungen ein so schweres Stück
Arbeit hinter uns gebracht haben, verlasse ich für eine Weile den Gegenstand und wende mich zu
Ihnen.
Ich weiß nämlich, daß Sie unzufrieden sind. Sie haben sich eine »Einführung in die
Psychoanalyse« anders vorgestellt. Sie haben lebensvolle Beispiele zu hören erwartet, nicht
Theorie. Sie sagen mir, das eine Mal, da ich Ihnen die Parallele vortrug »Zu ebener Erde und im
ersten Stock«, da haben Sie etwas von der Verursachung der Neurosen begriffen, nur hätten es
wirkliche Beobachtungen sein sollen und nicht konstruierte Geschichten. Oder als ich Ihnen zu
Beginn zwei – hoffentlich nicht auch erfundene – Symptome erzählte, deren Auflösung und
Beziehung zum Leben der Kranken entwickelte, da leuchtete Ihnen der »Sinn« der Symptome
ein; Sie hofften, ich würde in dieser Art fortsetzen. Anstatt dessen gab ich Ihnen weitläufige,
schwer übersehbare Theorien, die nie vollständig waren, zu denen immer noch etwas Neues
hinzukam, arbeitete mit Begriffen, die ich Ihnen noch nicht vorgestellt hatte, fiel aus der
deskriptiven Darstellung in die dynamische Auffassung, aus dieser in eine sogenannte
»ökonomische«, machte es Ihnen schwer zu verstehen, wie viele von den angewendeten
Kunstworten dasselbe bedeuten und nur aus Gründen des Wohllautes miteinander abwechseln,
ließ so weitausgreifende Gesichtspunkte wie das Lust- und Realitätsprinzip und den
phylogenetisch ererbten Besitz vor Ihnen auftauchen, und anstatt Sie in etwas einzuführen, ließ
ich etwas, was sich immer mehr von Ihnen entfernte, vor Ihren Augen vorüberziehen.
Warum habe ich die Einführung in die Neurosenlehre nicht mit dem begonnen, was Sie selbst
von der Nervosität kennen und was längst Ihr Interesse erweckt hat? Mit dem eigentümlichen
Wesen der Nervösen, ihren unverständlichen Reaktionen auf menschlichen Verkehr und äußere
Einflüsse, ihrer Reizbarkeit, Unberechenbarkeit und Untauglichkeit? Warum Sie nicht
schrittweise vom Verständnis der einfacheren alltäglichen Formen bis zu den Problemen der
rätselhaften extremen Erscheinungen der Nervosität geführt?
Ja, meine Herren, ich kann Ihnen nicht einmal unrecht geben. Ich bin nicht so vernarrt in meine
Darstellungskunst, daß ich jeden ihrer Schönheitsfehler für einen besonderen Reiz ausgeben
sollte. Ich glaube selbst, es hätte sich mit mehr Vorteil für Sie anders machen lassen; es lag auch
in meiner Absicht. Aber man kann seine verständigen Absichten nicht immer durchführen. Im
Stoff selbst ist oft etwas, wodurch man kommandiert und von seinen ersten Absichten abgelenkt
wird. Selbst eine so unscheinbare Leistung wie die Anordnung eines wohlbekannten Materials
unterwirft sich nicht ganz der Willkür des Autors; sie gerät, wie sie will, und man kann sich nur
nachträglich befragen, warum sie so und nicht anders ausgefallen ist.
Einer der Gründe ist wahrscheinlich, daß der Titel »Einführung in die Psychoanalyse« für diesen
Abschnitt, der die Neurosen behandeln soll, nicht mehr zutrifft. Die Einführung in die
Psychoanalyse gibt das Studium der Fehlleistungen und des Traumes; die Neurosenlehre ist die
Psychoanalyse selbst. Ich glaube nicht, daß ich vom Inhalt der Neurosenlehre in so kurzer Zeit
Ihnen anders als in so konzentrierter Form hätte Kenntnis geben können. Es handelte sich darum,
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin