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die Psychoanalyse herantreten wird. Es gibt Neurosen, bei welchen das Ich weit intensiver
beteiligt ist als bei den bisher von uns studierten; wir nennen sie »narzißtische« Neurosen. Die
analytische Bearbeitung dieser Affektionen wird uns befähigen, die Beteiligung des Ichs an der
neurotischen Erkrankung in unparteiischer und zuverlässiger Weise zu beurteilen.
Eine der Beziehungen des Ichs zu seiner Neurose ist aber so augenfällig, daß sie von Anfang an
Berücksichtigung finden konnte. Sie scheint in keinem Falle zu fehlen; man erkennt sie aber am
deutlichsten bei einer Affektion, die unserem Verständnis heute noch fernsteht, bei der
traumatischen Neurose. Sie müssen nämlich wissen, daß in der Verursachung und im
Mechanismus aller möglichen Formen von Neurosen immer wieder dieselben Momente in
Tätigkeit treten, nur fällt hier dem einen, dort dem anderen dieser Momente die Hauptbedeutung
für die Symptombildung zu. Es ist wie mit dem Personal einer Schauspielertruppe, unter dem
jeder sein festes Rollenfach hat: Held, Vertrauter, Intrigant usw.; es wird aber jeder ein anderes
Stück für seine Benefizvorstellung wählen. So sind die Phantasien, die sich in die Symptome
umsetzen, nirgends greifbarer als in der Hysterie; die Gegenbesetzungen oder
Reaktionsbildungen des Ichs beherrschen das Bild bei der Zwangsneurose; was wir für den
Traum sekundäre Bearbeitung genannt haben, steht als Wahn obenan in der Paranoia usw.
So drängt sich uns bei den traumatischen Neurosen, besonders bei solchen, wie sie durch die
Schrecken des Krieges entstehen, unverkennbar ein selbstsüchtiges, nach Schutz und Nutzen
strebendes Ichmotiv auf, welches die Krankheit nicht etwa allein schaffen kann, aber seine
Zustimmung zu ihr gibt und sie erhält, wenn sie einmal zustande gekommen ist. Dies Motiv will
das Ich vor den Gefahren bewahren, deren Drohung der Anlaß der Erkrankung ward, und wird
die Genesung nicht eher zulassen, als bis die Wiederholung dieser Gefahren ausgeschlossen
scheint, oder erst nachdem eine Entschädigung für die ausgestandene Gefahr erreicht ist.
Aber ein ähnliches Interesse nimmt das Ich in allen anderen Fällen an der Entstehung und dem
Fortbestand der Neurose. Wir haben schon gesagt, daß das Symptom auch vom Ich gehalten
wird, weil es eine Seite hat, mit welcher es der verdrängenden Ichtendenz Befriedigung bietet.
Überdies ist die Erledigung des Konflikts durch die Symptombildung die bequemste und die dem
Lustprinzip genehmste Auskunft; sie erspart dem Ich unzweifelhaft eine große und peinlich
empfundene innere Arbeit. Ja, es gibt Fälle, in denen selbst der Arzt zugestehen muß, daß der
Ausgang eines Konflikts in Neurose die harmloseste und sozial erträglichste Lösung darstellt.
Erstaunen Sie nicht, wenn Sie hören, daß also selbst der Arzt mitunter die Partei der von ihm
bekämpften Krankheit nimmt. Es steht ihm ja nicht an, sich gegen alle Situationen des Lebens auf
die Rolle des Gesundheitsfanatikers einzuengen, er weiß, daß es nicht nur neurotisches Elend in
der Welt gibt, sondern auch reales, unabstellbares Leiden, daß die Notwendigkeit von einem
Menschen auch fordern kann, daß er seine Gesundheit zum Opfer bringe, und er erfährt, daß
durch ein solches Opfer eines einzelnen oft unübersehbares Unglück für viele andere
hintangehalten wird. Wenn man also sagen konnte, daß der Neurotiker jedesmal vor einem
Konflikt die Flucht in die Krankheit nimmt, so muß man zugeben, in manchen Fällen sei diese
Flucht vollberechtigt, und der Arzt, der diesen Sachverhalt erkannt hat, wird sich schweigend und
schonungsvoll zurückziehen.
Aber sehen wir von diesen Ausnahmefällen für die weitere Erörterung ab. Unter
durchschnittlichen Verhältnissen erkennen wir, daß dem Ich durch das Ausweichen in die
Neurose ein gewisser innerer Krankheitsgewinn zuteil wird. Zu diesem gesellt sich in manchen
Lebenslagen ein greifbarer äußerer, in der Realität mehr oder weniger hoch einzuschätzender
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin