Seite - 223 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Vorteil. Betrachten Sie den häufigsten Fall dieser Art. Eine Frau, die von ihrem Manne roh
behandelt und schonungslos ausgenützt wird, findet ziemlich regelmäßig den Ausweg in die
Neurose, wenn ihre Anlagen es ihr ermöglichen, wenn sie zu feige oder zu sittlich ist, um sich im
geheimen bei einem anderen Manne zu trösten, wenn sie nicht stark genug ist, sich gegen alle
äußeren Abhaltungen von ihrem Mann zu trennen, wenn sie nicht die Aussicht hat, sich selbst zu
erhalten oder einen besseren Mann zu gewinnen, und wenn sie überdies durch ihr sexuelles
Empfinden noch an diesen brutalen Mann gebunden ist. Ihre Krankheit wird nun ihre Waffe im
Kampfe gegen den überstarken Mann, eine Waffe, die sie zu ihrer Verteidigung gebrauchen und
für ihre Rache mißbrauchen kann. Sie darf über ihre Krankheit klagen, während sie sich
wahrscheinlich über ihre Ehe nicht beklagen dürfte. Sie findet einen Helfer im Arzt, sie nötigt
den sonst rücksichtslosen Mann, sie zu schonen, Aufwendungen für sie zu machen, ihr Zeiten der
Abwesenheit vom Hause und somit der Befreiung von der ehelichen Unterdrückung zu gestatten.
Wo ein solcher äußerer oder akzidenteller Krankheitsgewinn recht erheblich ist und keinen realen
Ersatz finden kann, da werden Sie die Möglichkeit einer Beeinflussung der Neurose durch Ihre
Therapie nicht groß veranschlagen dürfen.
Sie werden mir vorhalten, was ich Ihnen da vom Krankheitsgewinn erzählt habe, spricht ja
durchaus zu Gunsten der von mir zurückgewiesenen Auffassung, daß das Ich selbst die Neurose
will und sie schafft. Gemach, meine Herren, es bedeutet vielleicht weiter nichts, als daß das Ich
sich die Neurose gefallen läßt, die es doch nicht verhindern kann, und daß es das Beste aus ihr
macht, wenn sich überhaupt etwas aus ihr machen läßt. Es ist nur die eine Seite der Sache, die
angenehme allerdings. Soweit die Neurose Vorteile hat, ist das Ich wohl mit ihr einverstanden,
aber sie hat nicht nur Vorteile. In der Regel stellt sich bald heraus, daß das Ich ein schlechtes
Geschäft gemacht hat, indem es sich auf die Neurose einließ. Es hat eine Erleichterung des
Konflikts zu teuer erkauft, und die Leidensempfindungen, welche an den Symptomen haften, sind
vielleicht ein äquivalenter Ersatz für die Qualen des Konflikts, wahrscheinlich aber ein
Mehrbetrag von Unlust. Das Ich möchte diese Unlust der Symptome loswerden, den
Krankheitsgewinn aber nicht herausgeben, und das bringt es eben nicht zustande. Dabei erweist
sich dann, daß es nicht so durchaus aktiv war, wie es sich geglaubt hat, und das wollen wir uns
gut merken.
Meine Herren, wenn Sie als Arzt mit Neurotikern umgehen, werden Sie bald die Erwartung
aufgeben, daß diejenigen, die über ihre Krankheit am stärksten jammern und klagen, der
Hilfeleistung am bereitwilligsten entgegenkommen und ihr die geringsten Widerstände bereiten
werden. Eher das Gegenteil. Wohl aber werden Sie es leicht verstehen, daß alles, was zum
Krankheitsgewinn beiträgt, den Verdrängungswiderstand verstärken und die therapeutische
Schwierigkeit vergrößern wird. Zu dem Stück des Krankheitsgewinnes, welches sozusagen mit
dem Symptom geboren wird, haben wir aber auch noch ein anderes hinzuzufügen, das sich später
ergibt. Wenn solch eine psychische Organisation wie die Krankheit durch längere Zeit bestanden
hat, so benimmt sie sich endlich wie ein selbständiges Wesen; sie äußert etwas wie einen
Selbsterhaltungstrieb, es bildet sich eine Art von modus vivendi zwischen ihr und anderen
Anteilen des Seelenlebens, selbst solchen, die ihr im Grunde feindselig sind, und es kann kaum
fehlen, daß sich Gelegenheiten ergeben, bei denen sie sich wieder nützlich und verwertbar
erweist, gleichsam eine Sekundärfunktion erwirbt, die ihren Bestand von neuem kräftigt. Nehmen
Sie anstatt eines Beispiels aus der Pathologie eine grelle Erläuterung aus dem täglichen Leben.
Ein tüchtiger Arbeiter, der seinen Unterhalt erwirbt, wird durch einen Unfall in seiner
Beschäftigung zum Krüppel; mit der Arbeit ist es jetzt aus, aber der Verunglückte empfängt mit
der Zeit eine kleine Unfallrente und lernt es, seine Verstümmlung als Bettler zu verwerten. Seine
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin