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25. Vorlesung
Die Angst
Meine Damen und Herren! Was ich Ihnen in der letzten Vorlesung über die allgemeine
Nervosität gesagt habe, werden Sie sicherlich als die unvollständigste und unzulänglichste meiner
Mitteilungen erkannt haben. Ich weiß das, und ich denke mir, nichts anderes wird Sie mehr
verwundert haben, als daß darin von der Angst nicht die Rede war, über die doch die meisten
Nervösen klagen, die sie selbst als ihr schrecklichstes Leiden bezeichnen und die wirklich die
großartigste Intensität bei ihnen erreichen und die tollsten Maßnahmen zur Folge haben kann.
Aber darin wenigstens wollte ich Sie nicht verkürzen; ich habe mir im Gegenteil vorgenommen,
das Problem der Angst bei den Nervösen besonders scharf einzustellen und es ausführlich vor
Ihnen zu erörtern.
Die Angst selbst brauche ich Ihnen ja nicht vorzustellen; jeder von uns hat diese Empfindung,
oder richtiger gesagt, diesen Affektzustand irgendeinmal aus eigenem kennengelernt. Aber ich
meine, man hat sich nie ernsthaft genug gefragt, warum gerade die Nervösen soviel mehr und
soviel stärkere Angst haben als die anderen. Vielleicht hielt man es für selbstverständlich; man
verwendet ja gewöhnlich die Worte »nervös« und »ängstlich« so füreinander, als ob sie dasselbe
bedeuten würden. Dazu hat man aber kein Recht; es gibt ängstliche Menschen, die sonst gar nicht
nervös sind, und außerdem Nervöse, die an vielen Symptomen leiden, unter denen aber die
Neigung zur Angst nicht aufgefunden wird.
Wie immer das sein mag, es steht fest, daß das Angstproblem ein Knotenpunkt ist, an welchem
die verschiedensten und wichtigsten Fragen zusammentreffen, ein Rätsel, dessen Lösung eine
Fülle von Licht über unser ganzes Seelenleben ergießen müßte. Ich werde nicht behaupten, daß
ich Ihnen diese volle Lösung geben kann, aber Sie werden gewiß erwarten, daß die
Psychoanalyse auch dieses Thema ganz anders angreifen wird als die Medizin der Schulen. Dort
scheint man sich vor allem dafür zu interessieren, auf welchen anatomischen Wegen der
Angstzustand zustande gebracht wird. Es heißt, die Medulla oblongata sei gereizt, und der
Kranke erfährt, daß er an einer Neurose des Nervus vagus leidet. Die Medulla oblongata ist ein
sehr ernsthaftes und schönes Objekt. Ich erinnere mich ganz genau, wieviel Zeit und Mühe ich
vor Jahren ihrem Studium gewidmet habe. Aber heute muß ich sagen, ich weiß nichts, was mir
für das psychologische Verständnis der Angst gleichgültiger sein könnte als die Kenntnis des
Nervenweges, auf dem ihre Erregungen ablaufen.
Von der Angst kann man zunächst eine ganze Weile handeln, ohne der Nervosität überhaupt zu
gedenken. Sie verstehen mich ohne weiteres, wenn ich diese Angst als Realangst bezeichne im
Gegensatz zu einer neurotischen. Die Realangst erscheint uns nun als etwas sehr Rationelles und
Begreifliches. Wir werden von ihr aussagen, sie ist eine Reaktion auf die Wahrnehmung einer
äußeren Gefahr, d. h. einer erwarteten, vorhergesehenen Schädigung, sie ist mit dem Fluchtreflex
verbunden, und man darf sie als Äußerung des Selbsterhaltungstriebes ansehen. Bei welchen
Gelegenheiten, d.
h. vor welchen Objekten und in welchen Situationen die Angst auftritt, wird
natürlich zum großen Teil von dem Stande unseres Wissens und von unserem Machtgefühl gegen
die Außenwelt abhängen. Wir finden es ganz begreiflich, daß der Wilde sich vor einer Kanone
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin