Seite - 230 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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genannte Ensemble zusammenhält, die Wiederholung eines bestimmten bedeutungsvollen
Erlebnisses ist. Dies Erlebnis könnte nur ein sehr frühzeitiger Eindruck von sehr allgemeiner
Natur sein, der in die Vorgeschichte nicht des Individuums, sondern der Art zu verlegen ist. Um
mich verständlicher zu machen, der Affektzustand wäre ebenso gebaut wie ein hysterischer
Anfall, wie dieser der Niederschlag einer Reminiszenz. Der hysterische Anfall ist also
vergleichbar einem neugebildeten individuellen Affekt, der normale Affekt dem Ausdruck einer
generellen, zur Erbschaft gewordenen Hysterie.
Nehmen Sie nicht an, daß dasjenige, was ich Ihnen hier über die Affekte gesagt habe, ein
anerkanntes Gut der Normalpsychologie ist. Es sind im Gegenteil Auffassungen, die auf dem
Boden der Psychoanalyse erwachsen und nur dort heimisch sind. Was Sie in der Psychologie
über die Affekte erfahren können, z.
B. die James-Langesche Theorie, ist für uns
Psychoanalytiker geradezu unverständlich und undiskutierbar. Für sehr gesichert halten wir aber
unser Wissen um die Affekte auch nicht; es ist ein erster Versuch, sich auf diesem dunkeln
Gebiet zu orientieren. Ich setze nun fort: Beim Angstaffekt glauben wir zu wissen, welchen
frühzeitigen Eindruck er als Wiederholung wiederbringt. Wir sagen uns, es ist der Geburtsakt, bei
welchem jene Gruppierung von Unlustempfindungen, Abfuhrregungen und Körpersensationen
zustande kommt, die das Vorbild für die Wirkung einer Lebensgefahr geworden ist und seither
als Angstzustand von uns wiederholt wird. Die enorme Reizsteigerung durch die Unterbrechung
der Bluterneuerung (der inneren Atmung) war damals die Ursache des Angsterlebnisses, die erste
Angst also eine toxische. Der Name Angst – angustiae, Enge – betont den Charakter der
Beengung im Atmen, die damals als Folge der realen Situation vorhanden war und heute im
Affekt fast regelmäßig wiederhergestellt wird. Wir werden es auch als beziehungsreich erkennen,
daß jener erste Angstzustand aus der Trennung von der Mutter hervorging. Natürlich sind wir der
Überzeugung, die Disposition zur Wiederholung des ersten Angstzustandes sei durch die Reihe
unzählbarer Generationen dem Organismus so gründlich einverleibt, daß ein einzelnes
Individuum dem Angstaffekt nicht entgehen kann, auch wenn es wie der sagenhafte Macduff
»aus seiner Mutter Leib geschnitten wurde«, den Geburtsakt selbst also nicht erfahren hat. Was
bei anderen als Säugetieren das Vorbild des Angstzustandes geworden ist, können wir nicht
sagen. Dafür wissen wir auch nicht, welcher Empfindungskomplex bei diesen Geschöpfen
unserer Angst äquivalent ist.
Es wird Sie vielleicht interessieren zu hören, wie man auf eine solche Idee kommen kann, wie
daß der Geburtsakt die Quelle und das Vorbild des Angstaffektes ist. Die Spekulation hat den
geringsten Anteil daran; ich habe vielmehr bei dem naiven Denken des Volkes eine Anleihe
gemacht. Als wir vor langen Jahren junge Spitalärzte um den Mittagstisch im Wirtshause saßen,
erzählte ein Assistent der geburtshilflichen Klinik, was für lustige Geschichte sich bei der letzten
Hebammenprüfung zugetragen. Eine Kandidatin wurde gefragt, was es bedeute, wenn sich bei
der Geburt Mekonium (Kindspech, Exkremente) im abgehenden Wasser zeigen, und sie
antwortete prompt: Daß das Kind Angst habe. Sie wurde ausgelacht und war durchgefallen. Aber
ich nahm im stillen ihre Partei und begann zu ahnen, daß das arme Weib aus dem Volke
unbeirrten Sinnes einen wichtigen Zusammenhang bloßgelegt hatte.
Übergehen wir nun zur neurotischen Angst, welche neue Erscheinungsformen und Verhältnisse
zeigt uns die Angst bei den Nervösen? Da ist viel zu beschreiben. Wir finden erstens eine
allgemeine Ängstlichkeit, eine sozusagen frei flottierende Angst, die bereit ist, sich an jeden
irgendwie passenden Vorstellungsinhalt anzuhängen, die das Urteil beeinflußt, die Erwartungen
auswählt, auf jede Gelegenheit lauert, um sich rechtfertigen zu lassen. Wir heißen diesen Zustand
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin