Seite - 232 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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gehörigen Tierphobien kann es sich nicht um die Steigerung allgemein menschlicher Antipathien
handeln, denn es gibt wie zur Demonstration des Gegensatzes zahlreiche Menschen, die an keiner
Katze vorbeigehen können, ohne sie zu locken und zu streicheln. Die von den Frauen so
gefürchtete Maus ist gleichzeitig ein Zärtlichkeitsname erster Ordnung; manches Mädchen, das
sich mit Befriedigung von seinem Geliebten so nennen hört, schreit doch entsetzt auf, wenn es
das niedliche Tierchen dieses Namens erblickt. Für den Mann mit Straßen- oder Platzangst drängt
sich uns die einzige Erklärung auf, daß er sich benehme wie ein kleines Kind. Ein Kind wird
durch die Erziehung direkt angehalten, solche Situationen als gefährlich zu vermeiden, und unser
Agoraphobiker ist wirklich vor seiner Angst geschützt, wenn man ihn über den Platz begleitet.
Die beiden hier beschriebenen Formen der Angst, die frei flottierende Erwartungsangst und die
an Phobien gebundene, sind unabhängig voneinander. Die eine ist nicht etwa eine höhere Stufe
der anderen, sie kommen auch nur ausnahmsweise und dann wie zufällig miteinander vor. Die
stärkste allgemeine Ängstlichkeit braucht sich nicht in Phobien zu äußern; Personen, deren
ganzes Leben durch eine Agoraphobie eingeschränkt wird, können von der pessimistischen
Erwartungsangst völlig frei sein. Manche der Phobien, z. B. Platzangst, Eisenbahnangst, werden
nachweisbar erst in reiferen Jahren erworben, andere, wie Angst vor Dunkelheit, Gewitter,
Tieren, scheinen von Anfang an bestanden zu haben. Die der ersteren Art haben die Bedeutung
von schweren Krankheiten; die letzteren erscheinen eher wie Sonderbarkeiten, Launen. Wer eine
von diesen letzteren zeigt, bei dem darf man in der Regel noch andere, ähnliche vermuten. Ich
muß hinzufügen, daß wir diese Phobien sämtlich zur Angsthysterie rechnen, d. h. also sie als eine
der bekannten Konversionshysterie sehr verwandte Affektion betrachten.
Die dritte der Formen neurotischer Angst stellt uns vor das Rätsel, daß wir den Zusammenhang
zwischen Angst und drohender Gefahr völlig aus den Augen verlieren. Diese Angst tritt z. B. bei
der Hysterie auf als Begleitung der hysterischen Symptome, oder unter beliebigen Bedingungen
der Aufregung, wo wir zwar eine Affektäußerung erwarten würden, aber gerade den Angstaffekt
am wenigsten, oder losgelöst von allen Bedingungen, für uns und den Kranken gleich
unverständlich, als freier Angstanfall. Von einer Gefahr oder einem Anlaß, der durch
Übertreibung dazu erhoben werden könnte, ist dann weit und breit keine Rede. Bei diesen
spontanen Anfällen erfahren wir dann, daß der Komplex, den wir als Angstzustand bezeichnen,
einer Aufsplitterung fähig ist. Das Ganze des Anfalles kann durch ein einzelnes, intensiv
ausgebildetes Symptom vertreten werden, durch ein Zittern, einen Schwindel, eine
Herzpalpitation, eine Atemnot, und das Gemeingefühl, an dem wir die Angst erkennen, kann
dabei fehlen oder undeutlich geworden sein. Und doch sind diese Zustände, die wir als
»Angstäquivalente« beschreiben, in allen klinischen und ätiologischen Beziehungen der Angst
gleichzustellen.
Nun erheben sich zwei Fragen. Kann man die neurotische Angst, bei welcher die Gefahr keine
oder eine so geringe Rolle spielt, in Zusammenhang mit der Realangst bringen, welche
durchwegs eine Reaktion auf die Gefahr ist? Und wie läßt sich die neurotische Angst verstehen?
Wir werden doch zunächst die Erwartung festhalten wollen: wo Angst ist, muß auch etwas
vorhanden sein, vor dem man sich ängstigt.
Für das Verständnis der neurotischen Angst ergeben sich nun aus der klinischen Beobachtung
mehrere Hinweise, deren Bedeutung ich vor Ihnen erörtern will.
a) Es ist nicht schwer festzustellen, daß die Erwartungsangst oder allgemeine Ängstlichkeit in
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin