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b) Einen zweiten Fingerzeig entnehmen wir aus der Analyse der Psychoneurosen, speziell der
Hysterie. Wir haben gehört, daß bei dieser Affektion häufig Angst in Begleitung der Symptome
auftritt, aber auch ungebundene Angst, die sich als Anfall oder als Dauerzustand äußert. Die
Kranken wissen nicht zu sagen, wovor sie sich ängstigen, und verknüpfen sie durch eine
unverkennbare sekundäre Bearbeitung mit den nächstliegenden Phobien, wie: Sterben,
Verrücktwerden, Schlaganfall. Wenn wir die Situation, aus welcher die Angst oder von Angst
begleitete Symptome hervorgegangen sind, der Analyse unterziehen, so können wir in der Regel
angeben, welcher normale psychische Ablauf unterblieben ist und sich durch das Angstphänomen
ersetzt hat. Drücken wir uns anders aus: Wir konstruieren den unbewußten Vorgang so, als ob er
keine Verdrängung erfahren und sich ungehindert zum Bewußtsein fortgesetzt hätte. Dieser
Vorgang wäre auch von einem bestimmten Affekt begleitet gewesen, und nun erfahren wir zu
unserer Überraschung, daß dieser den normalen Ablauf begleitende Affekt nach der Verdrängung
in jedem Falle durch Angst ersetzt wird, gleichgültig, was seine eigene Qualität ist. Wenn wir
also einen hysterischen Angstzustand vor uns haben, so kann sein unbewußtes Korrelat eine
Regung von ähnlichem Charakter sein, also von Angst, Scham, Verlegenheit, ebensowohl eine
positiv libidinöse Erregung oder eine feindselig aggressive, wie Wut und Ärger. Die Angst ist
also die allgemein gangbare Münze, gegen welche alle Affektregungen eingetauscht werden oder
werden können, wenn der dazugehörige Vorstellungsinhalt der Verdrängung unterlegen ist.
c) Eine dritte Erfahrung machen wir bei den Kranken mit Zwangshandlungen, die in
bemerkenswerter Weise von der Angst verschont zu sein scheinen. Wenn wir sie an der
Ausführung ihrer Zwangshandlung, ihres Waschens, ihres Zeremoniells zu hindern versuchen,
oder wenn sie selbst den Versuch wagen, einen ihrer Zwänge aufzugeben, so werden sie durch
eine entsetzliche Angst zur Gefügigkeit gegen den Zwang genötigt. Wir verstehen, daß die Angst
durch die Zwangshandlung gedeckt war und daß diese nur ausgeführt wurde, um die Angst zu
ersparen. Es wird also bei der Zwangsneurose die Angst, die sich sonst einstellen müßte, durch
Symptombildung ersetzt, und wenn wir uns zur Hysterie wenden, finden wir bei dieser Neurose
eine ähnliche Beziehung: als Erfolg des Verdrängungsvorganges entweder reine
Angstentwicklung oder Angst mit Symptombildung oder vollkommenere Symptombildung ohne
Angst. Es schiene also in einem abstrakten Sinne nicht unrichtig zu sagen, daß Symptome
überhaupt nur gebildet werden, um der sonst unvermeidlichen Angstentwicklung zu entgehen.
Durch diese Auffassung wird die Angst gleichsam in den Mittelpunkt unseres Interesses für die
Neurosenprobleme gerückt.
Aus den Beobachtungen an der Angstneurose hatten wir geschlossen, daß die Ablenkung der
Libido von ihrer normalen Verwendung, welche die Angst entstehen läßt, auf dem Boden der
somatischen Vorgänge erfolgt. Aus den Analysen der Hysterie und der Zwangsneurose ergibt
sich der Zusatz, daß die nämliche Ablenkung mit demselben Ergebnis auch die Wirkung einer
Verweigerung der psychischen Instanzen sein kann. Soviel wissen wir also über die Entstehung
der neurotischen Angst; es klingt noch ziemlich unbestimmt. Ich sehe aber vorläufig keinen Weg,
der weiterführen würde. Die zweite Aufgabe, die wir uns gestellt haben, die Herstellung einer
Verbindung zwischen der neurotischen Angst, die abnorm verwendete Libido ist, und der
Realangst, welche einer Reaktion auf die Gefahr entspricht, scheint noch schwieriger lösbar. Man
möchte glauben, es handle sich da um ganz disparate Dinge, und doch haben wir kein Mittel,
Realangst und neurotische Angst in der Empfindung voneinander zu unterscheiden.
Die gesuchte Verbindung stellt sich endlich her, wenn wir den oft behaupteten Gegensatz
zwischen Ich und Libido zur Voraussetzung nehmen. Wie wir wissen, ist die Angstentwicklung
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin