Seite - 235 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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die Reaktion des Ichs auf die Gefahr und das Signal für die Einleitung der Flucht; da liegt uns
denn die Auffassung nahe, daß bei der neurotischen Angst das Ich einen ebensolchen
Fluchtversuch vor dem Anspruch seiner Libido unternimmt, diese innere Gefahr so behandelt, als
ob sie eine äußere wäre. Damit wäre die Erwartung erfüllt, daß dort, wo sich Angst zeigt, auch
etwas vorhanden ist, wovor man sich ängstigt. Die Analogie ließe sich aber weiter fortführen. So
wie der Fluchtversuch vor der äußeren Gefahr abgelöst wird durch Standhalten und zweckmäßige
Maßnahmen zur Verteidigung, so weicht auch die neurotische Angstentwicklung der
Symptombildung, welche eine Bindung der Angst herbeiführt.
Die Schwierigkeit des Verständnisses liegt jetzt an anderer Stelle. Die Angst, welche eine Flucht
des Ichs vor seiner Libido bedeutet, soll doch aus dieser Libido selbst hervorgegangen sein. Das
ist undurchsichtig und enthält die Mahnung, nicht zu vergessen, daß die Libido einer Person doch
im Grunde zu ihr gehört und sich ihr nicht wie etwas Äußerliches entgegenstellen kann. Es ist die
topische Dynamik der Angstentwicklung, die uns noch dunkel ist, was für seelische Energien
dabei ausgegeben werden und von welchen psychischen Systemen her. Ich kann Ihnen nicht
versprechen, auch diese Frage zu beantworten, aber wir wollen es nicht unterlassen, zwei andere
Spuren zu verfolgen und uns dabei wieder der direkten Beobachtung und der analytischen
Forschung zu bedienen, um unserer Spekulation zu Hilfe zu kommen. Wir wenden uns zur
Entstehung der Angst beim Kinde und zur Herkunft der neurotischen Angst, welche an Phobien
gebunden ist.
Die Ängstlichkeit der Kinder ist etwas sehr Gewöhnliches, und die Unterscheidung, ob sie
neurotische oder Realangst ist, scheint recht schwierig. Ja, der Wert dieser Unterscheidung wird
durch das Verhalten der Kinder in Frage gestellt. Denn einerseits verwundern wir uns nicht, wenn
sich das Kind vor allen fremden Personen, neuen Situationen und Gegenständen ängstigt, und
erklären uns diese Reaktion sehr leicht durch seine Schwäche und Unwissenheit. Wir schreiben
also dem Kinde eine starke Neigung zur Realangst zu und würden es für ganz zweckmäßig
ansehen, wenn es diese Ängstlichkeit als Erbschaft mitgebracht hätte. Das Kind würde hierin nur
das Verhalten des Urmenschen und des heutigen Primitiven wiederholen, der infolge seiner
Unwissenheit und Hilflosigkeit vor allem Neuen Angst hat und vor so viel Vertrautem, was uns
heute keine Angst mehr einflößt. Auch entspräche es durchaus unserer Erwartung, wenn die
Phobien des Kindes wenigstens zum Teil noch dieselben wären, die wir jenen Urzeiten der
menschlichen Entwicklung zutrauen dürfen.
Anderseits können wir nicht übersehen, daß nicht alle Kinder in gleichem Maße ängstlich sind
und daß gerade die Kinder, welche eine besondere Scheu vor allen möglichen Objekten und
Situationen äußern, sich späterhin als Nervöse erweisen. Die neurotische Disposition verrät sich
also auch durch eine ausgesprochene Neigung zur Realangst, die Ängstlichkeit erscheint als das
Primäre, und man gelangt zum Schlusse, das Kind und später der Heranwachsende ängstigen sich
vor der Höhe ihrer Libido, weil sie sich eben vor allem ängstigen. Die Entstehung der Angst aus
der Libido wäre hiemit abgelehnt, und wenn man den Bedingungen der Realangst nachforschte,
gelangte man konsequent zu der Auffassung, daß das Bewußtsein der eigenen Schwäche und
Hilflosigkeit – Minderwertigkeit in der Terminologie von A. Adler – auch der letzte Grund der
Neurose ist, wenn es sich aus der Kinderzeit ins reifere Leben fortsetzen kann.
Das klingt so einfach und bestechend, daß es ein Anrecht auf unsere Aufmerksamkeit hat. Es
würde allerdings eine Verschiebung des Rätsels der Nervosität mit sich bringen. Der Fortbestand
des Minderwertigkeitsgefühls – und damit der Angstbedingung und der Symptombildung –
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin