Seite - 236 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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scheint so gut gesichert, daß es vielmehr einer Erklärung bedarf, wenn ausnahmsweise das, was
wir als Gesundheit kennen, zustande kommen sollte. Was läßt aber eine sorgfältige Beobachtung
der Ängstlichkeit der Kinder erkennen? Das kleine Kind ängstigt sich zu allererst vor fremden
Personen; Situationen werden erst dadurch bedeutsam, daß sie Personen enthalten, und
Gegenstände kommen überhaupt erst später in Betracht. Vor diesen Fremden ängstigt sich das
Kind aber nicht etwa darum, weil es ihnen böse Absichten zutraut und seine Schwäche mit deren
Stärke vergleicht, sie also als Gefahren für seine Existenz, Sicherheit und Schmerzfreiheit
agnosziert. Ein derart mißtrauisches, von dem weltbeherrschenden Aggressionstrieb geschrecktes
Kind ist eine recht verunglückte theoretische Konstruktion. Sondern das Kind erschrickt vor der
fremden Gestalt, weil es auf den Anblick der vertrauten und geliebten Person, im Grunde der
Mutter, eingestellt ist. Es ist seine Enttäuschung und Sehnsucht, welche sich in Angst umsetzt,
also unverwendbar gewordene Libido, die derzeit nicht in Schwebe gehalten werden kann,
sondern als Angst abgeführt wird. Es kann auch kaum zufällig sein, daß in dieser für die
kindliche Angst vorbildlichen Situation die Bedingung des ersten Angstzustandes während des
Geburtsaktes, nämlich die Trennung von der Mutter, wiederholt wird.
Die ersten Situationsphobien der Kinder sind die vor der Dunkelheit und der Einsamkeit; die
erstere bleibt oft durchs Leben bestehen, beiden gemeinsam ist das Vermissen der geliebten
Pflegeperson, der Mutter also. Ein Kind, das sich in der Dunkelheit ängstigte, hörte ich ins
Nebenzimmer rufen: »Tante, sprich doch zu mir, ich fürchte mich.« »Aber was hast Du davon?
Du siehst mich ja nicht«; darauf das Kind: »Wenn jemand spricht, wird es heller.« Die Sehnsucht
in der Dunkelheit wird also zur Angst vor der Dunkelheit umgebildet. Weit entfernt, daß die
neurotische Angst nur sekundär und ein Spezialfall der Realangst wäre, sehen wir vielmehr beim
kleinen Kinde, daß sich etwas als Realangst gebärdet, was mit der neurotischen Angst den
wesentlichen Zug der Entstehung aus unverwendeter Libido gemein hat. Von richtiger Realangst
scheint das Kind wenig mitzubringen. In all den Situationen, die später die Bedingungen von
Phobien werden können, auf Höhen, schmalen Stegen über dem Wasser, auf der Eisenbahnfahrt
und im Schiff, zeigt das Kind keine Angst, und zwar um so weniger, je unwissender es ist. Es
wäre sehr wünschenswert, wenn es mehr von solchen lebenschützenden Instinkten zur Erbschaft
bekommen hätte; die Aufgabe der Überwachung, die es daran verhindern muß, sich einer Gefahr
nach der anderen auszusetzen, wäre dadurch sehr erleichtert. In Wirklichkeit aber überschätzt das
Kind anfänglich seine Kräfte und benimmt sich angstfrei, weil es die Gefahren nicht kennt. Es
wird an den Rand des Wassers laufen, auf die Fensterbrüstung steigen, mit scharfen
Gegenständen und mit dem Feuer spielen, kurz alles tun, was ihm Schaden bringen und seinen
Pflegern Sorge bereiten muß. Es ist durchaus das Werk der Erziehung, wenn endlich die
Realangst bei ihm erwacht, da man ihm nicht erlauben kann, die belehrende Erfahrung selbst zu
machen.
Wenn es nun Kinder gibt, die dieser Erziehung zur Angst ein Stück weit entgegenkommen und
die dann auch selbst Gefahren finden, vor denen man sie nicht gewarnt hat, so reicht für sie die
Erklärung aus, daß sie ein größeres Maß von libidinöser Bedürftigkeit in ihrer Konstitution
mitgebracht haben oder frühzeitig mit libidinöser Befriedigung verwöhnt worden sind. Kein
Wunder, wenn sich unter diesen Kindern auch die späteren Nervösen befinden; wir wissen ja, die
größte Erleichterung für die Entstehung einer Neurose liegt in der Unfähigkeit, eine
ansehnlichere Libidostauung durch längere Zeit zu ertragen. Sie merken, daß hier auch das
konstitutionelle Moment zu seinem Recht kommt, dem wir seine Rechte ja nie bestreiten wollen.
Wir verwahren uns nur dagegen, wenn jemand über diesem Anspruch alle anderen vernachlässigt
und das konstitutionelle Moment auch dort einführt, wo es nach den vereinten Ergebnissen von
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin