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darstellbar werden, weil es mich drängt, zwei Einwendungen zu begegnen, die, wie ich weiß,
jetzt Ihr Gehör haben. Sie wollen mich erstens zur Rede stellen, warum ich beim Schlaf, in der
Krankheit und in den ähnlichen Situationen durchaus Libido und Interesse, Sexualtriebe und
Ichtriebe unterscheiden will, wo sich die Beobachtungen durchwegs mit der Annahme einer
einzigen und einheitlichen Energie erledigen lassen, die, frei beweglich, bald das Objekt, bald das
Ich besetzt, sowohl in den Dienst des einen wie des anderen Triebes tritt. Und zweitens, wie ich
mich getrauen kann, die Ablösung der Libido vom Objekt als Quelle eines pathologischen
Zustandes zu behandeln, wenn solche Umsetzung der Objektlibido in Ichlibido – oder
allgemeiner in Ichenergie – zu den normalen und täglich, allnächtlich, wiederholten Vorgängen
in der seelischen Dynamik gehört.
Darauf ist zu erwidern: Ihr erster Einwand klingt gut. Die Erörterung der Zustände des Schlafes,
des Krankseins, der Verliebtheit hätte uns an sich wahrscheinlich niemals zur Unterscheidung
einer Ichlibido von einer Objektlibido oder der Libido vom Interesse geführt. Aber Sie
vernachlässigen dabei die Untersuchungen, von denen wir ausgegangen sind und in deren Licht
wir jetzt die in Rede stehenden seelischen Situationen betrachten. Die Unterscheidung von Libido
und Interesse, also von Sexual- und Selbsterhaltungstrieben, ist uns durch die Einsicht in den
Konflikt aufgedrängt worden, aus welchem die Übertragungsneurosen hervorgehen. Wir können
sie seitdem nicht wieder aufgeben. Die Annahme, daß sich Objektlibido in Ichlibido umsetzen
kann, daß man also mit einer Ichlibido zu rechnen hat, ist uns als die einzige erschienen, welche
das Rätsel der sogenannten narzißtischen Neurosen, z. B. der Dementia praecox, zu lösen
vermag, von deren Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten im Vergleich mit Hysterie und Zwang
Rechenschaft geben kann. Auf Krankheit, Schlaf und Verliebtheit wenden wir nun an, was wir
anderwärts als unabweisbar bewährt gefunden haben. Wir dürfen mit solchen Anwendungen
fortfahren und sehen, wie weit wir damit reichen. Die einzige Behauptung, die nicht direkter
Niederschlag unserer analytischen Erfahrung ist, geht dahin, daß Libido Libido bleibt, ob sie nun
auf Objekte oder auf das eigene Ich gewendet wird, und sich niemals in egoistisches Interesse
umsetzt und ebenso das Umgekehrte. Diese Behauptung ist aber gleichwertig mit der bereits
kritisch gewürdigten Sonderung von Sexual- und Ichtrieben, an der wir bis zum möglichen
Scheitern aus heuristischen Motiven festhalten wollen.
Auch Ihre zweite Einwendung greift eine berechtigte Frage auf, aber sie zielt in falsche
Richtung. Gewiß ist die Einziehung der Objektlibido ins Ich nicht direkt pathogen; wir sehen ja,
daß sie jedesmal vor dem Schlafengehen vorgenommen wird, um mit dem Wachen wieder
rückgängig zu werden. Das Protoplasmatierchen zieht seine Fortsätze ein, um sie beim nächsten
Anlaß wieder auszuschicken. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn ein bestimmter, sehr
energischer Prozeß die Abziehung der Libido von den Objekten erzwingt. Die narzißtisch
gewordene Libido kann dann den Rückweg zu den Objekten nicht finden, und diese Behinderung
in der Beweglichkeit der Libido wird allerdings pathogen. Es scheint, daß die Anhäufung der
narzißtischen Libido über ein gewisses Maß hinaus nicht vertragen wird. Wir können uns auch
vorstellen, daß es eben darum zur Objektbesetzung gekommen ist, daß das Ich seine Libido
ausschicken mußte, um nicht an ihrer Stauung zu erkranken. Wenn es in unserem Plane läge, uns
mit der Dementia praecox eingehender zu beschäftigen, würde ich Ihnen zeigen, daß jener
Prozeß, der die Libido von den Objekten ablöst und ihr den Rückweg zu ihnen absperrt, dem
Verdrängungsprozeß nahesteht, als ein Seitenstück zu ihm aufzufassen ist. Vor allem aber
würden Sie bekannten Boden unter Ihren Füßen spüren, indem Sie erfahren, daß die Bedingungen
dieses Prozesses fast identisch sind – soviel wir bis jetzt erkennen – mit denen der Verdrängung.
Der Konflikt scheint der nämliche zu sein und sich zwischen denselben Mächten abzuspielen.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin