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Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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darstellbar werden, weil es mich drängt, zwei Einwendungen zu begegnen, die, wie ich weiß, jetzt Ihr Gehör haben. Sie wollen mich erstens zur Rede stellen, warum ich beim Schlaf, in der Krankheit und in den ähnlichen Situationen durchaus Libido und Interesse, Sexualtriebe und Ichtriebe unterscheiden will, wo sich die Beobachtungen durchwegs mit der Annahme einer einzigen und einheitlichen Energie erledigen lassen, die, frei beweglich, bald das Objekt, bald das Ich besetzt, sowohl in den Dienst des einen wie des anderen Triebes tritt. Und zweitens, wie ich mich getrauen kann, die Ablösung der Libido vom Objekt als Quelle eines pathologischen Zustandes zu behandeln, wenn solche Umsetzung der Objektlibido in Ichlibido – oder allgemeiner in Ichenergie – zu den normalen und täglich, allnächtlich, wiederholten Vorgängen in der seelischen Dynamik gehört. Darauf ist zu erwidern: Ihr erster Einwand klingt gut. Die Erörterung der Zustände des Schlafes, des Krankseins, der Verliebtheit hätte uns an sich wahrscheinlich niemals zur Unterscheidung einer Ichlibido von einer Objektlibido oder der Libido vom Interesse geführt. Aber Sie vernachlässigen dabei die Untersuchungen, von denen wir ausgegangen sind und in deren Licht wir jetzt die in Rede stehenden seelischen Situationen betrachten. Die Unterscheidung von Libido und Interesse, also von Sexual- und Selbsterhaltungstrieben, ist uns durch die Einsicht in den Konflikt aufgedrängt worden, aus welchem die Übertragungsneurosen hervorgehen. Wir können sie seitdem nicht wieder aufgeben. Die Annahme, daß sich Objektlibido in Ichlibido umsetzen kann, daß man also mit einer Ichlibido zu rechnen hat, ist uns als die einzige erschienen, welche das Rätsel der sogenannten narzißtischen Neurosen, z.  B. der Dementia praecox, zu lösen vermag, von deren Ähnlichkeiten und Verschiedenheiten im Vergleich mit Hysterie und Zwang Rechenschaft geben kann. Auf Krankheit, Schlaf und Verliebtheit wenden wir nun an, was wir anderwärts als unabweisbar bewährt gefunden haben. Wir dürfen mit solchen Anwendungen fortfahren und sehen, wie weit wir damit reichen. Die einzige Behauptung, die nicht direkter Niederschlag unserer analytischen Erfahrung ist, geht dahin, daß Libido Libido bleibt, ob sie nun auf Objekte oder auf das eigene Ich gewendet wird, und sich niemals in egoistisches Interesse umsetzt und ebenso das Umgekehrte. Diese Behauptung ist aber gleichwertig mit der bereits kritisch gewürdigten Sonderung von Sexual- und Ichtrieben, an der wir bis zum möglichen Scheitern aus heuristischen Motiven festhalten wollen. Auch Ihre zweite Einwendung greift eine berechtigte Frage auf, aber sie zielt in falsche Richtung. Gewiß ist die Einziehung der Objektlibido ins Ich nicht direkt pathogen; wir sehen ja, daß sie jedesmal vor dem Schlafengehen vorgenommen wird, um mit dem Wachen wieder rückgängig zu werden. Das Protoplasmatierchen zieht seine Fortsätze ein, um sie beim nächsten Anlaß wieder auszuschicken. Aber etwas ganz anderes ist es, wenn ein bestimmter, sehr energischer Prozeß die Abziehung der Libido von den Objekten erzwingt. Die narzißtisch gewordene Libido kann dann den Rückweg zu den Objekten nicht finden, und diese Behinderung in der Beweglichkeit der Libido wird allerdings pathogen. Es scheint, daß die Anhäufung der narzißtischen Libido über ein gewisses Maß hinaus nicht vertragen wird. Wir können uns auch vorstellen, daß es eben darum zur Objektbesetzung gekommen ist, daß das Ich seine Libido ausschicken mußte, um nicht an ihrer Stauung zu erkranken. Wenn es in unserem Plane läge, uns mit der Dementia praecox eingehender zu beschäftigen, würde ich Ihnen zeigen, daß jener Prozeß, der die Libido von den Objekten ablöst und ihr den Rückweg zu ihnen absperrt, dem Verdrängungsprozeß nahesteht, als ein Seitenstück zu ihm aufzufassen ist. Vor allem aber würden Sie bekannten Boden unter Ihren Füßen spüren, indem Sie erfahren, daß die Bedingungen dieses Prozesses fast identisch sind – soviel wir bis jetzt erkennen – mit denen der Verdrängung. Der Konflikt scheint der nämliche zu sein und sich zwischen denselben Mächten abzuspielen. 244
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Schriften von Sigmund Freud (1856–1939)
Titel
Schriften von Sigmund Freud
Untertitel
(1856–1939)
Autor
Sigmund Freud
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY-NC-ND 3.0
Abmessungen
21.6 x 28.0 cm
Seiten
2789
Schlagwörter
Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
Kategorien
Geisteswissenschaften
Medizin
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