Seite - 252 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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wird also dadurch gesund, daß man sich sexuell »auslebt«. Allerdings fällt dabei auf die
analytische Behandlung der Schatten, daß sie nicht der allgemeinen Sittlichkeit dient. Was sie
dem Einzelnen zuwendet, hat sie der Allgemeinheit entzogen.
Aber, meine Damen und Herren, wer hat Sie denn so falsch berichtet? Es ist nicht die Rede
davon, daß der Rat, sich sexuell auszuleben, in der analytischen Therapie eine Rolle spielen
könnte. Schon darum nicht, weil wir selbst verkündet haben, bei den Kranken bestehe ein
hartnäckiger Konflikt zwischen der libidinösen Regung und der Sexualverdrängung, zwischen
der sinnlichen und der asketischen Richtung. Dieser Konflikt wird dadurch nicht aufgehoben, daß
man einer dieser Richtungen zum Sieg über die gegnerische verhilft. Wir sehen es ja, daß beim
Nervösen die Askese die Oberhand behalten hat. Die Folge davon ist gerade, daß sich die
unterdrückte Sexualstrebung in Symptomen Luft schafft. Wenn wir jetzt im Gegenteil der
Sinnlichkeit den Sieg verschaffen würden, so müßte sich die beiseite geschobene
Sexualverdrängung durch Symptome ersetzen. Keine der beiden Entscheidungen kann den
inneren Konflikt beenden, jedesmal bliebe ein Anteil unbefriedigt. Es gibt nur wenige Fälle, in
denen der Konflikt so labil ist, daß ein Moment wie die Parteinahme des Arztes den Ausschlag
geben kann, und diese Fälle bedürfen eigentlich keiner analytischen Behandlung. Personen, bei
welchen dem Arzt ein solcher Einfluß zufallen kann, hätten denselben Weg auch ohne den Arzt
gefunden. Sie wissen doch, wenn ein abstinenter junger Mann sich zum illegitimen
Sexualverkehr entschließt oder eine unbefriedigte Frau bei einem anderen Manne Entschädigung
sucht, so haben sie in der Regel nicht auf die Erlaubnis eines Arztes oder gar des Analytikers
gewartet.
Man übersieht an dieser Sachlage gewöhnlich den einen wesentlichen Punkt, daß der pathogene
Konflikt der Neurotiker nicht mit einem normalen Kampf seelischer Regungen, die auf
demselben psychologischen Boden stehen, zu verwechseln ist. Es ist ein Widerstreit zwischen
Mächten, von denen die eine es zur Stufe des Vorbewußten und Bewußten gebracht hat, die
andere auf der Stufe des Unbewußten zurückgehalten worden ist. Darum kann der Konflikt zu
keinem Austrag gebracht werden; die Streitenden kommen so wenig zueinander wie in dem
bekannten Beispiel der Eisbär und der Walfisch. Eine wirkliche Entscheidung kann erst fallen,
wenn sich die beiden auf demselben Boden treffen. Ich denke, dies zu ermöglichen, ist die
einzige Aufgabe der Therapie.
Und überdies kann ich Ihnen versichern, daß Sie falsch berichtet sind, wenn Sie annehmen, Rat
und Leitung in den Angelegenheiten des Lebens sei ein integrierendes Stück der analytischen
Beeinflussung. Im Gegenteil, wir lehnen eine solche Mentorrolle nach Möglichkeit ab, wollen
nichts lieber erreichen, als daß der Kranke selbständig seine Entscheidungen treffe. In dieser
Absicht fordern wir auch, daß er alle lebenswichtigen Entschlüsse über Berufswahl,
wirtschaftliche Unternehmungen, Eheschließung oder Trennung über die Dauer der Behandlung
zurückstelle und erst nach Beendigung derselben zur Ausführung bringe. Gestehen Sie nur, das
ist alles anders, als Sie es sich vorgestellt haben. Nur bei gewissen sehr jugendlichen oder ganz
hilf- und haltlosen Personen können wir die gewollte Beschränkung nicht durchsetzen. Bei ihnen
müssen wir die Leistung des Arztes mit der des Erziehers kombinieren; wir sind uns dann unserer
Verantwortung wohl bewußt und benehmen uns mit der notwendigen Vorsicht.
Aus dem Eifer, mit dem ich mich gegen den Vorwurf verteidige, daß der Nervöse in der
analytischen Kur zum Sichausleben angeleitet wird, dürfen Sie aber nicht den Schluß ziehen, daß
wir zu Gunsten der gesellschaftlichen Sittsamkeit auf ihn wirken. Das liegt uns zum mindesten
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin