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unsere psychoanalytische eine kausale Therapie oder nicht? Die Antwort ist nicht einfach, gibt
aber vielleicht Gelegenheit, uns von dem Unwert einer solchen Fragestellung zu überzeugen.
Insoferne die analytische Therapie sich nicht die Beseitigung der Symptome zur nächsten
Aufgabe setzt, benimmt sie sich wie eine kausale. In anderer Hinsicht können Sie sagen, sie sei es
nicht. Wir haben nämlich die Kausalverkettung längst über die Verdrängungen hinaus verfolgt
bis zu den Triebanlagen, deren relativen Intensitäten in der Konstitution und den Abweichungen
ihres Entwicklungsganges. Nehmen Sie nun an, es wäre uns etwa auf chemischem Wege
möglich, in dies Getriebe einzugreifen, die Quantität der jeweils vorhandenen Libido zu erhöhen
oder herabzusetzen oder den einen Trieb auf Kosten eines anderen zu verstärken, so wäre dies
eine im eigentlichen Sinne kausale Therapie, für welche unsere Analyse die unentbehrliche
Vorarbeit der Rekognoszierung geleistet hätte. Von solcher Beeinflussung der Libidovorgänge ist
derzeit, wie Sie wissen, keine Rede; mit unserer psychischen Therapie greifen wir an einer
anderen Stelle des Zusammenhanges an, nicht gerade an den uns ersichtlichen Wurzeln der
Phänomene, aber doch weit genug weg von den Symptomen, an einer Stelle, die uns durch sehr
merkwürdige Verhältnisse zugänglich geworden ist.
Was müssen wir also tun, um das Unbewußte bei unserem Patienten durch Bewußtes zu ersetzen?
Wir haben einmal gemeint, das ginge ganz einfach, wir brauchten nur dies Unbewußte zu erraten
und es ihm vorzusagen. Aber wir wissen schon, das war ein kurzsichtiger Irrtum. Unser Wissen
um das Unbewußte ist nicht gleichwertig mit seinem Wissen; wenn wir ihm unser Wissen
mitteilen, so hat er es nicht an Stelle seines Unbewußten, sondern neben demselben, und es ist
sehr wenig geändert. Wir müssen uns vielmehr dieses Unbewußte topisch vorstellen, müssen es
in seiner Erinnerung dort aufsuchen, wo es durch eine Verdrängung zustande gekommen ist.
Diese Verdrängung ist zu beseitigen, dann kann sich der Ersatz des Unbewußten durch Bewußtes
glatt vollziehen. Wie hebt man nun eine solche Verdrängung auf? Unsere Aufgabe tritt hier in
eine zweite Phase. Zuerst das Aufsuchen der Verdrängung, dann die Beseitigung des
Widerstandes, welcher diese Verdrängung aufrechthält.
Wie schafft man den Widerstand weg? In der nämlichen Weise: indem man ihn errät und dem
Patienten vorhält. Der Widerstand stammt ja auch aus einer Verdrängung, aus der nämlichen, die
wir zu lösen suchen, oder aus einer früher vorgefallenen. Er wird ja von der Gegenbesetzung
hergestellt, die sich zur Verdrängung der anstößigen Regung erhob. Wir tun also jetzt dasselbe,
was wir schon anfangs tun wollten, deuten, erraten und es mitteilen; aber wir tun es jetzt an der
richtigen Stelle. Die Gegenbesetzung oder der Widerstand gehört nicht dem Unbewußten,
sondern dem Ich an, welches unser Mitarbeiter ist, und dies, selbst wenn sie nicht bewußt sein
sollte. Wir wissen, es handelt sich hier um den Doppelsinn des Wortes »unbewußt«, einerseits als
Phänomen, anderseits als System. Das scheint sehr schwierig und dunkel; aber nicht wahr, es ist
doch nur Wiederholung? Wir sind längst darauf vorbereitet. – Wir erwarten, daß dieser
Widerstand aufgegeben, die Gegenbesetzung eingezogen werden wird, wenn wir dem Ich die
Erkenntnis desselben durch unsere Deutung ermöglicht haben. Mit welchen Triebkräften arbeiten
wir denn in einem solchen Falle? Erstens mit dem Streben des Patienten gesund zu werden, das
ihn bewogen hat, sich in die gemeinschaftliche Arbeit mit uns zu fügen, und zweitens mit der
Hilfe seiner Intelligenz, welche wir durch unsere Deutung unterstützen. Es ist kein Zweifel, daß
die Intelligenz des Kranken es leichter hat, den Widerstand zu erkennen und die dem Verdrängten
entsprechende Übersetzung zu finden, wenn wir ihr die dazu passenden Erwartungsvorstellungen
gegeben haben. Wenn ich Ihnen sage: schauen Sie auf den Himmel, da ist ein Luftballon zu
sehen, so werden Sie ihn auch viel leichter finden, als wenn ich Sie bloß auffordere
hinaufzuschauen, ob Sie irgend etwas entdecken. Auch der Student, der die ersten Male ins
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin