Seite - 259 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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einzige Stelle wirft, nämlich auf das Verhältnis zum Arzt. Die Übertragung wird so der
Cambiumschicht zwischen Holz und Rinde eines Baumes vergleichbar, von welcher
Gewebsneubildung und Dickenwachstum des Stammes ausgehen. Hat sich die Übertragung erst
zu dieser Bedeutung aufgeschwungen, so tritt die Arbeit an den Erinnerungen des Kranken weit
zurück. Es ist dann nicht unrichtig zu sagen, daß man es nicht mehr mit der früheren Krankheit
des Patienten zu tun hat, sondern mit einer neugeschaffenen und umgeschaffenen Neurose,
welche die erstere ersetzt. Diese Neuauflage der alten Affektion hat man von Anfang an verfolgt,
man hat sie entstehen und wachsen gesehen und findet sich in ihr besonders gut zurecht, weil
man selbst als Objekt in ihrem Mittelpunkt steht. Alle Symptome des Kranken haben ihre
ursprüngliche Bedeutung aufgegeben und sich auf einen neuen Sinn eingerichtet, der in einer
Beziehung zur Übertragung besteht. Oder es sind nur solche Symptome bestehen geblieben,
denen eine solche Umarbeitung gelingen konnte. Die Bewältigung dieser neuen künstlichen
Neurose fällt aber zusammen mit der Erledigung der in die Kur mitgebrachten Krankheit, mit der
Lösung unserer therapeutischen Aufgabe. Der Mensch, der im Verhältnis zum Arzt normal und
frei von der Wirkung verdrängter Triebregungen geworden ist, bleibt auch so in seinem
Eigenleben, wenn der Arzt sich wieder ausgeschaltet hat.
Diese außerordentliche, für die Kur geradezu zentrale Bedeutung hat die Übertragung bei den
Hysterien, Angsthysterien und Zwangsneurosen, die darum mit Recht als
»Übertragungsneurosen« zusammengefaßt werden. Wer sich aus der analytischen Arbeit den
vollen Eindruck von der Tatsache der Übertragung geholt hat, der kann nicht mehr bezweifeln,
von welcher Art die unterdrückten Regungen sind, die sich in den Symptomen dieser Neurosen
Ausdruck verschaffen, und verlangt nach keinem kräftigeren Beweis für deren libidinöse Natur.
Wir dürfen sagen, unsere Überzeugung von der Bedeutung der Symptome als libidinöse
Ersatzbefriedigungen ist erst durch die Einreihung der Übertragung endgültig gefestigt worden.
Nun haben wir allen Grund, unsere frühere dynamische Auffassung des Heilungsvorganges zu
verbessern und sie mit der neuen Einsicht in Einklang zu bringen. Wenn der Kranke den
Normalkonflikt mit den Widerständen durchzukämpfen hat, die wir ihm in der Analyse
aufgedeckt haben, so bedarf er eines mächtigen Antriebes, der die Entscheidung in dem von uns
gewünschten, zur Genesung führenden Sinne beeinflußt. Sonst könnte es geschehen, daß er sich
für die Wiederholung des früheren Ausganges entscheidet und das ins Bewußtsein Gehobene
wieder in die Verdrängung gleiten läßt. Den Ausschlag in diesem Kampfe gibt dann nicht seine
intellektuelle Einsicht – die ist weder stark noch frei genug für solche Leistung –, sondern einzig
sein Verhältnis zum Arzt. Soweit seine Übertragung von positivem Vorzeichen ist, bekleidet sie
den Arzt mit Autorität, setzt sie sich in Glauben an seine Mitteilungen und Auffassungen um.
Ohne solche Übertragung, oder wenn sie negativ ist, würde er den Arzt und dessen Argumente
nicht einmal zu Gehör kommen lassen. Der Glaube wiederholt dabei seine eigene
Entstehungsgeschichte; er ist ein Abkömmling der Liebe und hat zuerst der Argumente nicht
bedurft. Erst später hat er ihnen so viel eingeräumt, daß er sie in prüfende Betrachtung zieht,
wenn sie von einer ihm lieben Person vorgebracht werden. Argumente ohne solche Stütze haben
nicht gegolten, gelten bei den meisten Menschen niemals im Leben etwas. Der Mensch ist also
im allgemeinen auch von der intellektuellen Seite her nur insoweit zugänglich, als er der
libidinösen Objektbesetzung fähig ist, und wir haben guten Grund, in dem Ausmaß seines
Narzißmus eine Schranke für seine Beeinflußbarkeit auch für die beste analytische Technik zu
erkennen und zu fürchten.
Die Fähigkeit, libidinöse Objektbesetzungen auch auf Personen zu richten, muß ja allen normalen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin