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28. Vorlesung
Die analytische Therapie
Meine Damen und Herren! Sie wissen, worüber wir heute sprechen werden. Sie haben mich
gefragt, warum wir uns in der psychoanalytischen Therapie nicht der direkten Suggestion
bedienen, wenn wir zugeben, daß unser Einfluß wesentlich auf Übertragung, d. i. auf Suggestion,
beruht, und haben daran den Zweifel geknüpft, ob wir bei einer solchen Vorherrschaft der
Suggestion noch für die Objektivität unserer psychologischen Funde einstehen können. Ich habe
versprochen, Ihnen ausführliche Antwort zu geben.
Direkte Suggestion, das ist Suggestion gegen die Äußerung der Symptome gerichtet, Kampf
zwischen Ihrer Autorität und den Motiven des Krankseins. Sie kümmern sich dabei um diese
Motive nicht, fordern vom Kranken nur, daß er deren Äußerung in Symptomen unterdrücke. Es
macht dann keinen prinzipiellen Unterschied, ob Sie den Kranken in Hypnose versetzen oder
nicht. Bernheim hat wiederum mit der ihn auszeichnenden Schärfe behauptet, daß die Suggestion
das Wesentliche an den Erscheinungen des Hypnotismus sei, die Hypnose aber selbst schon ein
Erfolg der Suggestion, ein suggerierter Zustand, und er hat mit Vorliebe die Suggestion im
Wachen geübt, die dasselbe leisten kann wie die Suggestion in der Hypnose.
Was wollen Sie nun in dieser Frage zuerst anhören, die Aussagung der Erfahrung oder
theoretische Überlegungen?
Beginnen wir mit der ersteren. Ich war Schüler von Bernheim, den ich 1889 in Nancy aufgesucht
und dessen Buch über die Suggestion ich ins Deutsche übersetzt habe. Ich habe Jahre hindurch
die hypnotische Behandlung geübt, zunächst mit Verbotsuggestion und später mit der
Breuerschen Ausforschung des Patienten kombiniert. Ich darf also über die Erfolge der
hypnotischen oder suggestiven Therapie aus guter Erfahrung sprechen. Wenn nach einem alten
Ärztewort eine ideale Therapie rasch, verläßlich und für den Kranken nicht unangenehm sein
soll, so erfüllte die Bernheimsche Methode allerdings zwei dieser Anforderungen. Sie ließ sich
viel rascher, das heißt unsagbar rascher, durchführen als die analytische, und sie brachte dem
Kranken weder Mühe noch Beschwerden. Für den Arzt wurde es auf die Dauer – monoton; bei
jedem Fall in gleicher Weise, mit dem nämlichen Zeremoniell den verschiedenartigsten
Symptomen die Existenz zu verbieten, ohne von deren Sinn und Bedeutung etwas erfassen zu
können. Es war eine Handlangerarbeit, keine wissenschaftliche Tätigkeit und erinnerte an Magie,
Beschwörung und Hokuspokus; aber das kam ja gegen das Interesse des Kranken nicht in
Betracht. Am dritten fehlte es; verläßlich war das Verfahren nach keiner Richtung. Bei dem einen
ließ es sich anwenden, bei dem anderen nicht; bei einem gelang vieles, beim anderen sehr wenig,
man wußte nie warum. Ärger als diese Launenhaftigkeit des Verfahrens war der Mangel an
Dauer der Erfolge. Nach einiger Zeit war, wenn man von den Kranken wieder hörte, das alte
Leiden wieder da, oder es hatte sich durch ein neues ersetzt. Man konnte von neuem
hypnotisieren. Im Hintergrunde stand die von erfahrener Seite ausgesprochene Mahnung, den
Kranken nicht durch häufige Wiederholung der Hypnose um seine Selbständigkeit zu bringen
und ihn an diese Therapie zu gewöhnen wie an ein Narkotikum. Zugegeben, manchmal gelang es
auch ganz nach Wunsch; nach wenigen Bemühungen hatte man vollen und dauernden Erfolg.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin