Seite - 274 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
Bild der Seite - 274 -
Text der Seite - 274 -
Also der Patient habe einen Traum erzählt, den wir deuten sollen. Wir haben gelassen zugehört,
ohne dabei unser Nachdenken in Bewegung zu setzen. Was tun wir zunächst? Wir beschließen,
uns um das, was wir gehört haben, um den manifesten Traum, möglichst wenig zu kümmern.
Natürlich zeigt dieser manifeste Traum allerlei Charaktere, die uns nicht ganz gleichgültig sind.
Er kann zusammenhängend sein, glatt komponiert wie eine Dichtung, oder unverständlich
verworren, fast wie ein Delirium, kann absurde Elemente enthalten oder Witze und anscheinend
geistreiche Schlüsse, er kann dem Träumer klar und scharf erscheinen oder trüb und
verschwommen, seine Bilder mögen die volle sinnliche Stärke von Wahrnehmungen zeigen oder
schattenhaft sein wie ein undeutlicher Hauch, die verschiedensten Charaktere mögen sich in
demselben Traum zusammenfinden, auf verschiedene Stellen verteilt; der Traum mag endlich
einen indifferenten Gefühlston zeigen oder von den stärksten freudigen oder peinlichen
Erregungen begleitet werden – glauben Sie nicht, daß wir diese unendliche Mannigfaltigkeit im
manifesten Traum für nichts achten, wir werden später auf sie zurückkommen und sehr vieles an
ihr für die Deutung verwertbar finden, aber zunächst sehen wir von ihr ab und schlagen den
Hauptweg ein, der zur Traumdeutung führt. Das heißt, wir fordern den Träumer auf, sich
gleichfalls vom Eindruck des manifesten Traums frei zu machen, seine Aufmerksamkeit vom
Ganzen weg auf die einzelnen Teile des Trauminhalts zu richten und uns der Reihe nach
mitzuteilen, was ihm zu jedem dieser Teilstücke einfällt, welche Assoziationen sich ihm ergeben,
wenn er sie einzeln ins Auge faßt.
Nicht wahr, das ist eine besondere Technik, nicht die gewöhnliche Art, eine Mitteilung oder
Aussage zu behandeln? Sie erraten auch gewiß, daß hinter diesem Verfahren Voraussetzungen
stecken, die noch nicht ausgesprochen worden sind. Aber gehen wir weiter. In welcher
Reihenfolge lassen wir den Patienten die Teilstücke seines Traums vornehmen? Da stehen uns
mehrere Wege offen. Wir können einfach der chronologischen Ordnung folgen, wie sie sich bei
der Erzählung des Traums herausgestellt hat. Das ist die sozusagen strengste, klassische
Methode. Oder wir können den Träumer weisen, sich zuerst die Tagesreste im Traum
herauszusuchen, denn die Erfahrung hat uns gelehrt, daß fast in jeden Traum ein Erinnerungsrest
oder eine Anspielung an eine Begebenheit des Traumtags, oft an mehrere, eingegangen ist, und
wenn wir diesen Anknüpfungen folgen, haben wir oft mit einem Schlag den Übergang von der
scheinbar weit entrückten Traumwelt zum realen Leben des Patienten gefunden. Oder wir heißen
ihn, mit jenen Elementen des Trauminhalts den Anfang machen, die ihm durch ihre besondere
Deutlichkeit und sinnliche Stärke auffallen. Wir wissen nämlich, daß es ihm bei diesen besonders
leicht werden wird, Assoziationen zu bekommen. Es macht keinen Unterschied, auf welche
dieser Arten wir uns den gesuchten Assoziationen nähern.
Und dann erhalten wir diese Assoziationen. Sie bringen das Verschiedenartigste, Erinnerungen an
den gestrigen Tag, den Traumtag, und an längst vergangene Zeiten, Überlegungen, Diskussionen
mit einem Für und Wider, Bekenntnisse und Anfragen. Manche von ihnen sprudelt der Patient
heraus, vor anderen stockt er eine Weile. Die meisten zeigen eine deutliche Beziehung zu einem
Element des Traums; kein Wunder, denn sie gehen ja von diesen Elementen aus, aber es kommt
auch vor, daß der Patient sie mit den Worten einleitet: Das scheint gar nichts mit dem Traum zu
tun zu haben; ich sage es, weil es mir einfällt.
Hört man sich diese Fülle von Einfällen an, so merkt man bald, daß sie mit dem Trauminhalt
mehr gemeinsam haben als nur die Ausgangspunkte. Sie werfen ein überraschendes Licht auf alle
Teile des Traums, füllen die Lücken zwischen ihnen aus, machen ihre sonderbaren
Zusammenstellungen verständlich. Endlich muß man sich über das Verhältnis zwischen ihnen
274
Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin