Seite - 275 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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und dem Trauminhalt klar werden. Der Traum erscheint als ein verkürzter Auszug aus den
Assoziationen, nach allerdings noch nicht durchschauten Regeln hergestellt, seine Elemente wie
die aus einer Wahl hervorgegangenen Repräsentanten einer Menge. Es ist kein Zweifel, daß wir
durch unsere Technik erhalten haben, was durch den Traum ersetzt wird und worin der
psychische Wert des Traums zu finden ist, was aber nicht mehr die befremdenden
Eigentümlichkeiten des Traums, seine Fremdartigkeit, Verworrenheit zeigt.
Aber kein Mißverständnis! Die Assoziationen zum Traum sind noch nicht die latenten
Traumgedanken. Diese sind in den Assoziationen wie in einer Mutterlauge enthalten – aber doch
nicht ganz vollständig enthalten. Die Assoziationen bringen einerseits viel mehr, als wir für die
Formulierung der latenten Traumgedanken brauchen, nämlich alle die Ausführungen, Übergänge,
Verbindungen, die der Intellekt des Patienten auf dem Wege der Annäherung an die
Traumgedanken produzieren mußte. Anderseits hat die Assoziation oft gerade vor den
eigentlichen Traumgedanken haltgemacht, ist ihnen nur nahegekommen, hat sie nur in den
Anspielungen berührt. Wir greifen da selbsttätig ein, vervollständigen die Andeutungen, ziehen
unabweisbare Schlüsse, sprechen das aus, woran der Patient in seinen Assoziationen nur gestreift
hat. Das klingt dann so, als ließen wir unseren Witz und unsere Willkür mit dem Material spielen,
das uns der Träumer zur Verfügung stellt, und mißbrauchten es dazu, in seine Äußerungen
hineinzudeuten, was sich aus ihnen nicht herausdeuten läßt; auch ist es nicht leicht, die
Rechtmäßigkeit unseres Vorgehens in einer abstrakten Darstellung zu erweisen. Aber machen Sie
nur selbst eine Traumanalyse, oder vertiefen Sie sich in ein gut beschriebenes Beispiel in unserer
Literatur, und Sie werden sich überzeugen, wie zwingend eine solche Deutungsarbeit abläuft.
Wenn wir bei der Traumdeutung im allgemeinen und in erster Linie von den Assoziationen des
Träumers abhängig sind, so benehmen wir uns doch gegen gewisse Elemente des Trauminhalts
ganz selbständig, vor allem darum, weil wir müssen, weil bei ihnen in der Regel die
Assoziationen versagen. Wir haben frühzeitig gemerkt, daß es immer die nämlichen Inhalte sind,
bei denen dies zutrifft; sie sind nicht sehr zahlreich, und gehäufte Erfahrung hat uns gelehrt, daß
sie als Symbole für etwas anderes aufzufassen und zu deuten sind. Im Vergleich mit den anderen
Traumelementen darf man ihnen eine feststehende Bedeutung zuschreiben, die aber nicht
eindeutig zu sein braucht, deren Umfang durch besondere uns gewohnte Regeln bestimmt wird.
Da wir diese Symbole zu übersetzen verstehen, der Träumer aber nicht, obwohl er sie selbst
gebraucht hat, kann es sich treffen, daß uns der Sinn eines Traums unmittelbar klar wird, noch
vor allen Bemühungen um die Traumdeutung, sobald wir nur den Traumtext gehört haben,
während der Träumer selbst noch vor einem Rätsel steht. Aber über die Symbolik, unser Wissen
von ihr, die Probleme, die sie uns bietet, habe ich schon in den früheren Vorlesungen so viel
erzählt, daß ich mich heute nicht zu wiederholen brauche.
Das ist also unsere Methode der Traumdeutung. Die nächste, wohlberechtigte Frage lautet: Kann
man mit ihrer Hilfe alle Träume deuten? Und die Antwort ist: Nein, nicht alle, aber doch so viele,
daß man der Brauchbarkeit und Berechtigung des Verfahrens sicher ist. Aber warum nicht alle?
Die neuerliche Antwort hat uns etwas Wichtiges zu lehren, was bereits in die psychischen
Bedingungen der Traumbildung einführt: Weil sich die Arbeit der Traumdeutung gegen einen
Widerstand vollzieht, der von unscheinbaren Größen bis zur Unüberwindlichkeit – wenigstens
für unsere jeweiligen Machtmittel – variiert. Die Äußerungen dieses Widerstandes kann man
während der Arbeit nicht übersehen. An manchen Stellen werden die Assoziationen ohne Zögern
gegeben, und schon der erste oder zweite Einfall bringt die Aufklärung. An anderen stockt und
zaudert der Patient, ehe er eine Assoziation ausspricht, und dann hat man oft eine lange Kette von
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin