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hervorgehen, die ebenso wie der Traum das Ergebnis von Kompromissen sind, und werden nicht
verlangen, daß ich hier alles, was in der Einführung zur Neurosenlehre enthalten ist, vor Ihnen
wiederhole, um Ihnen vorzuführen, was wir von den Bedingungen solcher Kompromißbildung
wissen. Sie haben verstanden, daß der Traum ein pathologisches Produkt ist, das erste Glied der
Reihe, die das hysterische Symptom, die Zwangsvorstellung, die Wahnidee umfaßt, aber vor den
anderen ausgezeichnet durch seine Flüchtigkeit und seine Entstehung unter Verhältnissen, die
dem normalen Leben angehören. Denn, halten wir daran fest, das Traumleben ist, wie schon
Aristoteles gesagt hat, die Art, wie unsere Seele während des Schlafzustandes arbeitet. Der
Schlafzustand stellt eine Abwendung von der realen Außenwelt her, und damit ist die Bedingung
für die Entfaltung einer Psychose gegeben. Das sorgfältigste Studium der ernsthaften Psychosen
wird uns keinen Zug entdecken lassen, der für diesen Krankheitszustand mehr charakteristisch
wäre. Aber in der Psychose wird die Abwendung von der Realität auf zweierlei Weise
hervorgerufen, entweder indem das Unbewußt-Verdrängte überstark wird, so daß es das an der
Realität hängende Bewußte überwältigt, oder weil die Realität so unerträglich leidvoll geworden
ist, daß sich das bedrohte Ich in verzweifelter Auflehnung dem unbewußten Triebhaften in die
Arme wirft. Die harmlose Traumpsychose ist die Folge einer bewußt gewollten, nur zeitweiligen
Zurückziehung von der Außenwelt, sie schwindet auch mit der Wiederaufnahme der
Beziehungen zu dieser. Während der Isolierung des Schlafenden stellt sich auch eine
Veränderung in der Verteilung seiner psychischen Energie her; ein Teil des
Verdrängungsaufwands, der sonst zur Niederhaltung des Unbewußten gebraucht wurde, kann
erspart werden, denn wenn dies seine relative Befreiung auch zur Aktivität ausnützt, findet es
doch den Weg zur Motilität verschlossen und nur den unschädlichen zur halluzinatorischen
Befriedigung frei. Es kann sich jetzt also ein Traum bilden; die Tatsache der Traumzensur zeigt
aber, daß noch genug vom Verdrängungswiderstand auch während des Schlafs erhalten geblieben
ist.
Hier eröffnet sich uns ein Weg zur Beantwortung der Frage, ob der Traum auch eine Funktion
hat, ob er mit einer nützlichen Leistung betraut ist. Die reizlose Ruhe, welche der Schlafzustand
herstellen möchte, wird von drei Seiten bedroht, in mehr zufälliger Weise von äußeren Reizen
während des Schlafs und von Tagesinteressen, die sich nicht abbrechen lassen, in
unvermeidlicher Weise von den ungesättigten verdrängten Triebregungen, die auf die
Gelegenheit zur Äußerung lauern. Infolge der nächtlichen Herabsetzung der Verdrängungen
bestünde die Gefahr, daß die Ruhe des Schlafs jedesmal gestört wird, sooft die äußere oder innere
Anregung eine Verknüpfung mit einer der unbewußten Triebquellen erreichen kann. Der
Traumvorgang läßt das Produkt eines solchen Zusammenwirkens in ein unschädliches
halluzinatorisches Erlebnis einmünden und versichert so die Fortdauer des Schlafs. Es ist kein
Widerspruch gegen diese Funktion, wenn der Traum zeitweilig den Schläfer unter
Angstentwicklung weckt, wohl aber ein Signal, daß der Wächter die Situation für zu gefährlich
hält und nicht mehr glaubt, sie bewältigen zu können. Nicht selten vernehmen wir dann noch im
Schlaf die Beschwichtigung, die das Aufwachen verhüten will: Aber es ist ja nur ein Traum!
Soviel, meine Damen und Herren, wollte ich Ihnen über die Traumdeutung sagen, deren Aufgabe
es ist, vom manifesten Traum zu den latenten Traumgedanken zu führen. Ist dies erreicht, so ist
in der praktischen Analyse zumeist das Interesse für den Traum erloschen. Man fügt die
Mitteilung, die man in der Form eines Traums erhalten hat, in die anderen ein und geht in der
Analyse weiter. Wir haben ein Interesse, noch länger beim Traum zu verweilen; es lockt uns, den
Prozeß zu studieren, durch den die latenten Traumgedanken in den manifesten Traum verwandelt
wurden. Wir heißen ihn die Traumarbeit. Sie erinnern sich, ich habe ihn in den früheren
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin