Seite - 279 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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inneren und äußeren Reizen, ausgenutzt wird. Der Traum, der so entsteht, ist bereits eine
Kompromißbildung; er hat eine doppelte Funktion, er ist einerseits ichgerecht, indem er durch die
Erledigung der schlafstörenden Reize dem Schlafwunsch dient, anderseits gestattet er einer
verdrängten Triebregung die unter diesen Verhältnissen mögliche Befriedigung in der Form einer
halluzinierten Wunscherfüllung. Der ganze vom schlafenden Ich zugelassene Prozeß der
Traumbildung steht aber unter der Bedingung der Zensur, die von dem Rest der
aufrechterhaltenen Verdrängung ausgeübt wird. Einfacher kann ich den Vorgang nicht darstellen,
er ist nicht einfacher. Aber ich kann nun in der Beschreibung der Traumarbeit fortfahren.
Nochmals zurück zu den latenten Traumgedanken! Ihr stärkstes Element ist die verdrängte
Triebregung, die sich in ihnen in Anlehnung an zufällig vorhandene Reize und in Übertragung an
die Tagesreste einen wenngleich gemilderten und verkleideten Ausdruck geschaffen hat. Wie
jede Triebregung drängt auch diese zur Befriedigung durch die Handlung, aber der Weg zur
Motilität ist ihr durch die physiologischen Einrichtungen des Schlafzustandes versperrt; sie ist
genötigt, die rückläufige Richtung zur Wahrnehmung einzuschlagen und sich mit einer
halluzinierten Befriedigung zu begnügen. Die latenten Traumgedanken werden also in eine
Summe von Sinnesbildern und visuellen Szenen umgesetzt. Auf diesem Wege geschieht das mit
ihnen, was uns so neuartig und befremdend erscheint. Alle die sprachlichen Mittel, durch welche
die feineren Denkrelationen ausgedrückt werden, die Konjunktionen und Präpositionen, die
Abänderungen der Deklination und Konjugation entfallen, weil die Darstellungsmittel für sie
fehlen; wie in einer primitiven Sprache ohne Grammatik wird nur das Rohmaterial des Denkens
ausgedrückt, Abstraktes auf das ihm zugrunde liegende Konkrete zurückgeführt. Was so erübrigt,
kann leicht zusammenhanglos erscheinen. Es entspricht sowohl der archaischen Regression im
seelischen Apparat wie den Anforderungen der Zensur, wenn die Darstellung von gewissen
Objekten und Vorgängen durch Symbole, die dem bewußten Denken fremd geworden sind, in
reichem Ausmaß verwendet wird. Aber weit darüber hinaus greifen andere Veränderungen, die
mit den Elementen der Traumgedanken vorgenommen werden. Solche von ihnen, die irgendeinen
Berührungspunkt auffinden lassen, werden zu neuen Einheiten verdichtet. Bei der Umsetzung der
Gedanken in Bilder werden diejenigen unzweideutig bevorzugt, die eine derartige
Zusammenlegung, Verdichtung, gestatten; als ob eine Kraft wirksam wäre, die das Material einer
Pressung, Zusammendrängung, aussetzt. Infolge der Verdichtung kann dann ein Element im
manifesten Traum zahlreichen Elementen in den latenten Traumgedanken entsprechen;
umgekehrt kann aber auch ein Element der Traumgedanken durch mehrere Bilder im Traum
vertreten werden.
Noch merkwürdiger ist der andere Vorgang der Verschiebung oder Akzentübertragung, der im
bewußten Denken nur als Denkfehler oder als Mittel des Witzes bekannt ist. Die einzelnen
Vorstellungen der Traumgedanken sind ja nicht gleichwertig, sie sind mit verschieden großen
Affektbeträgen besetzt und dementsprechend vom Urteil als mehr oder minder wichtig, des
Interesses würdig eingeschätzt. In der Traumarbeit werden diese Vorstellungen von den an ihnen
haftenden Affekten getrennt; die Affekte werden für sich erledigt, sie können auf anderes
verschoben werden, erhalten bleiben, Verwandlungen erfahren, überhaupt nicht im Traum
erscheinen. Die Wichtigkeit der vom Affekt entblößten Vorstellungen kehrt im Traum als
sinnliche Stärke der Traumbilder wieder, aber wir bemerken, daß dieser Akzent von bedeutsamen
Elementen auf indifferente übergegangen ist, so daß im Traum als Hauptsache in den
Vordergrund gerückt scheint, was in den Traumgedanken nur eine Nebenrolle spielte, und
umgekehrt das Wesentliche der Traumgedanken im Traum nur eine beiläufige, wenig deutliche
Darstellung findet. Kein anderes Stück der Traumarbeit trägt soviel dazu bei, den Traum für den
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin