Seite - 280 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Träumer fremdartig und unbegreiflich zu machen. Die Verschiebung ist das Hauptmittel der
Traumentstellung, welche sich die Traumgedanken unter dem Einfluß der Zensur gefallen lassen
müssen.
Nach diesen Einwirkungen auf die Traumgedanken ist der Traum fast fertig gemacht. Es tritt
noch ein ziemlich inkonstantes Moment hinzu, die sogenannte sekundäre Bearbeitung, nachdem
der Traum als Wahrnehmungsobjekt vor dem Bewußtsein aufgetaucht ist. Wir behandeln ihn
dann so, wie wir überhaupt gewohnt sind, unsere Wahrnehmungsinhalte zu behandeln, suchen
Lücken auszufüllen, Zusammenhänge einzufügen, setzen uns dabei oft genug groben
Mißverständnissen aus. Aber diese gleichsam rationalisierende Tätigkeit, die im besten Falle den
Traum mit einer glatten Fassade versieht, wie sie zu seinem wirklichen Inhalt nicht passen kann,
kann auch unterlassen werden oder sich nur in sehr bescheidenem Maß äußern, wo dann der
Traum alle seine Risse und Sprünge offen zur Schau trägt. Anderseits ist nicht zu vergessen, daß
auch die Traumarbeit nicht immer gleich energisch verfährt; oft genug schränkt sie sich nur auf
gewisse Stücke der Traumgedanken ein und andere von ihnen dürfen unverändert im Traum
erscheinen. Dann macht es den Eindruck, als hätte man im Traum die feinsten und
kompliziertesten intellektuellen Operationen ausgeführt, spekuliert, Witze gemacht, Entschlüsse
gefaßt, Probleme gelöst, während all dies das Ergebnis unserer normalen geistigen Tätigkeit ist,
ebensowohl am Tag vor dem Traum wie während der Nacht vorgefallen sein mag, mit der
Traumarbeit nichts zu tun hat und nichts für den Traum Charakteristisches zum Vorschein bringt.
Es ist auch nicht überflüssig, nochmals den Gegensatz zu betonen, der innerhalb der
Traumgedanken selbst zwischen der unbewußten Triebregung und den Tagesresten besteht.
Während die letzteren die ganze Mannigfaltigkeit unserer seelischen Akte aufweisen, läuft die
erstere, die der eigentliche Motor der Traumbildung wird, regelmäßig in eine Wunscherfüllung
aus.
Das alles hätte ich Ihnen schon vor fünfzehn Jahren sagen können, ja ich glaube, ich habe es
Ihnen damals auch wirklich gesagt. Nun wollen wir zusammentragen, was etwa in dieser
Zwischenzeit an Abänderungen und neuen Einsichten hinzugekommen ist.
Ich sagte Ihnen schon, ich fürchte, Sie werden finden, es ist recht wenig, und werden nicht
verstehen, warum ich Ihnen auferlegt habe, das Nämliche zweimal anzuhören, und mir, es zu
sagen. Aber es sind 15 Jahre dazwischen, und ich hoffe, auf diese Art am leichtesten den Kontakt
mit Ihnen wiederherzustellen. Auch sind es so elementare Dinge, von so entscheidender
Wichtigkeit für das Verständnis der Psychoanalyse, daß man sie gern ein zweites Mal anhören
mag, und daß sie nach 15 Jahren so sehr dieselben geblieben sind, ist an und für sich
wissenswert.
Sie finden in der Literatur dieser Zeit natürlich eine große Anzahl von Bestätigungen und
Detailausführungen, von denen ich Ihnen nur Proben zu geben vorhabe. Auch kann ich dabei
einiges, was schon früher bekannt wurde, nachholen. Es bezieht sich zumeist auf die Symbolik
im Traum und die sonstigen Darstellungsweisen des Traumes. Nun hören Sie, erst ganz kürzlich
haben die Mediziner an einer amerikanischen Universität sich geweigert, der Psychoanalyse den
Charakter einer Wissenschaft zuzugestehen, mit der Begründung, daß sie keine experimentellen
Beweise zulasse. Sie hätten denselben Einwand auch gegen die Astronomie erheben können; das
Experimentieren mit den Himmelskörpern ist ja besonders schwierig. Man bleibt da auf die
Beobachtung angewiesen. Immerhin haben gerade Wiener Forscher den Anfang gemacht, unsere
Traumsymbolik experimentell zu bestätigen. Ein Dr. Schrötter hat schon 1912 gefunden, wenn
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin