Seite - 287 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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schwer gekränkt sein und uns anklagen, daß wir ihm aus angeblich wissenschaftlichem Vorurteil
die objektive Würdigung seiner Behauptung versagen. Aber es wird ihm nichts nützen. Wir
verspüren, daß Vorurteile nicht immer verwerflich sind, daß sie manchmal berechtigt sind,
zweckmäßig, um uns unnützen Aufwand zu ersparen. Sie sind ja nichts anderes als
Analogieschlüsse nach anderen, gut begründeten Urteilen.
Eine ganze Anzahl der okkultistischen Behauptungen wirkt auf uns ähnlich wie die
Marmeladehypothese, so daß wir uns berechtigt glauben, sie ohne Nachprüfung von vornherein
abzuweisen. Aber es ist doch nicht so einfach. Ein Vergleich wie der von mir gewählte beweist
nichts, beweist so wenig wie überhaupt Vergleiche. Es bleibt ja fraglich, ob er paßt, und man
versteht, daß die Einstellung der verächtlichen Verwerfung bereits seine Auswahl bestimmt hat.
Vorurteile sind manchmal zweckmäßig und berechtigt, andere Male aber irrtümlich und
schädlich, und man weiß nie, wann sie das eine, wann sie das andere sind. Die Geschichte der
Wissenschaften selbst ist überreich an Vorfällen, die vor einer voreiligen Verdammung warnen
können. Lange Zeit galt es auch als eine unsinnige Annahme, daß die Steine, die wir heute
Meteoriten heißen, aus dem Himmelsraum auf die Erde gelangt sein sollten oder daß das Gestein
der Berge, das Muschelreste einschließt, einst den Meeresgrund gebildet hätte. Übrigens ist es
auch unserer Psychoanalyse nicht viel anders ergangen, als sie mit der Erschließung der
Unbewußten hervortrat. Also haben wir Analytiker besonderen Grund, mit der Verwendung des
intellektuellen Motivs zur Ablehnung neuer Aufstellungen vorsichtig zu sein, und müssen
zugestehen, daß es uns nicht über Abneigung, Zweifel und Unsicherheit hinaus fördert.
Das zweite Moment habe ich das psychologische genannt. Ich meine damit die allgemeine
Neigung der Menschen zur Leichtgläubigkeit und Wundergläubigkeit. Von allem Anfang an,
wenn das Leben uns in seine strenge Zucht nimmt, regt sich in uns ein Widerstand gegen die
Unerbittlichkeit und Monotonie der Denkgesetze und gegen die Anforderungen der
Realitätsprüfung. Die Vernunft wird zur Feindin, die uns soviel Lustmöglichkeit vorenthält. Man
entdeckt, welche Lust es bereitet, sich ihr wenigstens zeitweilig zu entziehen und sich den
Verlockungen des Unsinns hinzugeben. Der Schulknabe ergötzt sich an Wortverdrehungen, der
Fachgelehrte verulkt seine Tätigkeit nach einem wissenschaftlichen Kongreß, selbst der
ernsthafte Mann genießt die Spiele des Witzes. Ernsthaftere Feindseligkeit gegen »Vernunft und
Wissenschaft, des Menschen allerbeste Kraft« wartet ihre Gelegenheit ab, sie beeilt sich, dem
Wunderdoktor oder Naturheilkünstler den Vorzug zu geben vor dem »studierten« Arzt, sie
kommt den Behauptungen des Okkultismus entgegen, solange dessen angebliche Tatsachen als
Durchbrechungen von Gesetz und Regel genommen werden, sie schläfert die Kritik ein,
verfälscht die Wahrnehmungen, erzwingt Bestätigungen und Zustimmungen, die nicht zu
rechtfertigen sind. Wer diese Neigung der Menschen in Betracht zieht, hat allen Grund, viele
Mitteilungen der okkultistischen Literatur zu entwerten.
Das dritte Bedenken nannte ich das historische und will damit aufmerksam machen, daß in der
Welt des Okkultismus eigentlich nichts Neues vorgeht, daß aber in ihr alle die Zeichen, Wunder,
Prophezeiungen und Geistererscheinungen neuerdings auftreten, die uns aus alten Zeiten und in
alten Büchern berichtet werden und die wir längst als Ausgeburten ungezügelter Phantasie oder
tendenziösen Trugs erledigt zu haben glaubten, als Produkte einer Zeit, in der die Unwissenheit
der Menschheit sehr groß war und der wissenschaftliche Geist noch in seinen Kinderschuhen
stak. Wenn wir als wahr annehmen, was sich nach den Mitteilungen der Okkultisten noch heute
ereignet, so müssen wir auch jene Nachrichten aus dem Altertum als glaubwürdig anerkennen.
Und nun besinnen wir uns, daß die Traditionen und heiligen Bücher der Völker von solchen
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin