Seite - 288 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Wundergeschichten übervoll sind und daß die Religionen ihren Anspruch auf Glaubwürdigkeit
gerade auf solche außerordentliche und wunderbare Begebenheiten stützen und in ihnen die
Beweise für das Wirken übermenschlicher Mächte finden. Dann wird es uns schwer, den
Verdacht zu vermeiden, daß das okkultistische Interesse eigentlich ein religiöses ist, daß es zu
den geheimen Motiven der okkultistischen Bewegung gehört, der durch den Fortschritt des
wissenschaftlichen Denkens bedrohten Religion zu Hilfe zu kommen. Und mit der Erkenntnis
eines solchen Motivs muß unser Mißtrauen wachsen und unsere Abneigung, uns in die
Untersuchung der angeblichen okkulten Phänomene einzulassen.
Aber endlich muß diese Abneigung doch überwunden werden. Es handelt sich um eine Frage der
Tatsächlichkeit, ob das, was die Okkultisten erzählen, wahr ist oder nicht. Das muß doch durch
Beobachtung entschieden werden können. Im Grunde müssen wir den Okkultisten dankbar sein.
Die Wunderberichte aus alten Zeiten sind unserer Nachprüfung entzogen. Wenn wir meinen, sie
sind nicht zu beweisen, so müssen wir doch zugeben, sie sind nicht mit aller Strenge zu
widerlegen. Aber was in der Gegenwart vor sich geht, wobei wir zugegen sein können, darüber
müssen wir doch ein sicheres Urteil gewinnen können. Kommen wir zur Überzeugung, daß
solche Wunder heute nicht vorkommen, so fürchten wir den Einwand nicht, sie könnten sich
doch in alten Zeiten ereignet haben. Andere Erklärungen liegen dann viel näher. Wir haben also
unsere Bedenken abgelegt und sind bereit, an der Beobachtung der okkulten Phänomene
teilzunehmen.
Zum Unglück treffen wir dann auf Verhältnisse, die unserer redlichen Absicht äußerst ungünstig
sind. Die Beobachtungen, von denen unser Urteil abhängen soll, werden unter Bedingungen
angestellt, die unsere Sinneswahrnehmungen unsicher machen, unsere Aufmerksamkeit
abstumpfen, in der Dunkelheit oder in spärlichem rotem Licht, nach langen Zeiten leerer
Erwartung. Es wird uns gesagt, daß schon unsere ungläubige, also kritische Einstellung das
Zustandekommen der erwarteten Phänomene zu hindern vermag. Die so hergestellte Situation ist
ein wahres Zerrbild der Umstände, unter denen wir sonst wissenschaftliche Untersuchungen
durchzuführen pflegen. Die Beobachtungen werden an sogenannten Medien gemacht, Personen,
denen man besondere »sensitive« Fähigkeiten zuschreibt, die sich aber keineswegs durch
hervorragende Eigenschaften des Geistes oder des Charakters auszeichnen, nicht von einer
großen Idee oder einer ernsthaften Absicht getragen werden wie die alten Wundertäter. Im
Gegenteil, sie gelten selbst bei denen, die an ihre geheimen Kräfte glauben, als besonders
unzuverlässig; die meisten von ihnen sind bereits als Betrüger entlarvt worden, es liegt uns nahe
zu erwarten, daß den übrigen dasselbe bevorsteht. Was sie leisten, macht den Eindruck von
mutwilligen Kinderstreichen oder Taschenspielerkunststücken. Noch niemals ist in den Sitzungen
mit diesen Medien etwas Brauchbares herausgekommen, etwa eine neue Kraftquelle zugänglich
gemacht worden. Freilich erwartet man auch keine Förderung der Taubenzucht von dem
Kunststück des Taschenspielers, der Tauben aus seinem leeren Zylinderhut zaubert. Ich kann
mich leicht in die Lage eines Menschen versetzen, der die Anforderung der Objektivität erfüllen
will und darum an den okkultistischen Sitzungen teilnimmt, aber nach einer Weile ermüdet und
von den an ihn gestellten Zumutungen abgestoßen sich abwendet und unbelehrt zu seinen
früheren Vorurteilen zurückkehrt. Man kann einem solchen vorhalten, das sei auch nicht das
richtige Benehmen, Phänomenen, die man studieren wolle, dürfe man nicht vorschreiben, wie sie
sein und unter welchen Bedingungen sie auftreten sollen. Es sei vielmehr geboten, auszuharren
und die Vorsichts- und Kontrollmaßregeln zu würdigen, durch die man sich neuerdings gegen die
Unzuverlässigkeit der Medien zu schützen bemüht ist. Leider macht diese moderne
Sicherungstechnik der leichten Zugänglichkeit okkultistischer Beobachtungen ein Ende. Das
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin