Seite - 289 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Studium des Okkultismus wird ein besonderer, schwieriger Beruf, eine Tätigkeit, die man nicht
neben seinen sonstigen Interessen betreiben kann. Und bis die damit beschäftigten Forscher zu
Entscheidungen gekommen sind, bleibt man dem Zweifel und seinen eigenen Vermutungen
überlassen.
Unter diesen Vermutungen die wahrscheinlichste ist wohl die, daß es sich beim Okkultismus um
einen realen Kern von noch nicht erkannten Tatsachen handelt, den Trug und Phantasiewirkung
mit einer schwer durchdringbaren Hülle umsponnen haben. Aber wie können wir uns diesem
Kern auch nur annähern, an welcher Stelle das Problem angreifen? Hier meine ich, kommt uns
der Traum zu Hilfe, indem er uns den Wink gibt, aus all dem Wust das Thema der Telepathie
herauszugreifen.
Sie wissen, Telepathie nennen wir die angebliche Tatsache, daß ein Ereignis, welches zu einer
bestimmten Zeit vorfällt, etwa gleichzeitig einer räumlich entfernten Person zum Bewußtsein
kommt, ohne daß die uns bekannten Wege der Mitteilung dabei in Betracht kämen.
Stillschweigende Voraussetzung ist, daß dies Ereignis eine Person betrifft, an welcher die andere,
der Empfänger der Nachricht, ein starkes emotionelles Interesse hat. Also z. B. die Person A
erleidet einen Unfall, oder sie stirbt, und die Person B, eine ihr nahe verbundene, die Mutter,
Tochter oder Geliebte, erfährt es ungefähr zur gleichen Zeit durch eine Gesichts- oder
Gehörswahrnehmung; im letzteren Falle also so, als ob sie telephonisch verständigt worden wäre,
was aber nicht der Fall gewesen ist, gewissermaßen ein psychisches Gegenstück zur drahtlosen
Telegraphie. Ich brauche vor Ihnen nicht zu betonen, wie unwahrscheinlich solche Vorgänge
sind. Auch darf man die meisten dieser Berichte mit guten Gründen ablehnen; einige bleiben
übrig, bei denen dies nicht so leicht ist. Gestatten Sie mir nun, daß ich, für den Zweck meiner
beabsichtigten Mitteilung, das vorsichtige Wörtchen »angeblich« weglasse und so fortsetze, als
glaubte ich an die objektive Realität des telepathischen Phänomens. Aber halten Sie daran fest,
daß dies nicht der Fall ist, daß ich mich auf keine Überzeugung festgelegt habe.
Ich habe Ihnen eigentlich wenig mitzuteilen, nur eine unscheinbare Tatsache. Ich will Ihre
Erwartung auch gleich weiter einschränken, indem ich Ihnen sage, daß der Traum im Grunde
wenig mit der Telepathie zu tun hat. Weder wirft die Telepathie ein neues Licht auf das Wesen
des Traums, noch legt der Traum ein direktes Zeugnis für die Realität der Telepathie ab. Das
telepathische Phänomen ist auch gar nicht an den Traum gebunden, es kann sich auch während
des Wachzustands ereignen. Der einzige Grund, die Beziehung zwischen Traum und Telepathie
zu erörtern, liegt darin, daß der Schlafzustand zur Aufnahme der telepathischen Botschaft
besonders geeignet erscheint. Man erhält dann einen sogenannt telepathischen Traum und
überzeugt sich bei dessen Analyse, daß die telepathische Nachricht dieselbe Rolle gespielt hat
wie ein anderer Tagesrest und wie ein solcher von der Traumarbeit verändert und ihrer Tendenz
dienstbar gemacht worden ist.
In der Analyse eines solchen telepathischen Traums ereignet sich nun das, was mir interessant
genug schien, um es trotz seiner Geringfügigkeit zum Ausgangspunkt für diese Vorlesung zu
wählen. Als ich im Jahre 1922 die erste Mitteilung über diesen Gegenstand machte, stand mir erst
nur eine Beobachtung zur Verfügung. Seither habe ich manche ähnliche gemacht, aber ich bleibe
beim ersten Beispiel, weil es sich am leichtesten darstellen läßt, und werde Sie sogleich in medias
res einführen.
Ein offenbar intelligenter, nach seiner Behauptung keineswegs »okkultistisch angehauchter«
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin