Seite - 297 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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vergessen und einem Fragenden die Auskunft gegeben, Alptraum heiße im Englischen »a mare’s
nest«. Das sei natürlich ein Unsinn, a mare’s nest bedeute eine unglaubliche, eine
Räubergeschichte, die Übersetzung von Alptraum laute »night-mare«. Dieser Einfall scheint mit
dem Früheren nichts anderes gemein zu haben als das Element: englisch; mich muß er aber an
einen kleinen Vorfall etwa einen Monat vorher erinnern. P. saß bei mir im Zimmer, als
unvermutet ein anderer lieber Gast aus London, Dr. Ernest Jones, nach langer Trennung bei mir
eintrat. Ich winkte ihm, ins andere Zimmer zu gehen, bis ich mit P. abgeredet hatte. Der erkannte
ihn aber sofort nach seiner im Wartezimmer hängenden Photographie und sprach sogar den
Wunsch aus, ihm vorgestellt zu werden. Nun ist Jones der Verfasser einer Monographie über den
Alptraum – night-mare; ich wußte nicht, ob sie P. bekannt geworden war. Er vermied es,
analytische Bücher zu lesen.
Ich möchte vor Ihnen zunächst untersuchen, welches analytische Verständnis sich für den
Zusammenhang von P.’s Einfällen und für ihre Motivierung gewinnen läßt. P. war auf den
Namen Forsyte oder Forsyth ähnlich wie ich eingestellt, er bedeutete ihm dasselbe, ich verdankte
ihm überhaupt die Bekanntschaft mit diesem Namen. Der merkwürdige Tatbestand war, daß er
diesen Namen unvermittelt in die Analyse brachte, die kürzeste Zeit, nachdem er mir durch ein
neues Ereignis, die Ankunft des Londoner Arztes, in einem anderen Sinne bedeutungsvoll
geworden war. Aber vielleicht nicht minder interessant als die Tatsache selbst ist die Art, wie der
Name in seiner Analysenstunde auftrat. Er sagte nicht etwa: Jetzt fällt mir der Name Forsyte aus
den Ihnen bekannten Romanen ein, sondern er wußte ihn ohne jede bewußte Beziehung zu dieser
Quelle mit seinen eigenen Erlebnissen zu verflechten und brachte ihn von daher zum Vorschein,
was längst hätte geschehen können und bisher nicht geschehen war. Dann aber sagte er: Ich bin
auch ein Forsyth, das Mädchen nennt mich ja so. Es ist schwer, die Mischung von eifersüchtigem
Anspruch und wehmütiger Selbstherabsetzung zu verkennen, die sich in dieser Äußerung
Ausdruck schafft. Man wird nicht irregehen, wenn man sie etwa so vervollständigt: Es kränkt
mich, daß Ihre Gedanken sich so intensiv mit dem Ankömmling beschäftigen. Kehren Sie doch
zu mir zurück, ich bin ja auch ein Forsyth – allerdings nur ein Herr von Vorsicht, wie das
Mädchen sagt. Und nun greift sein Gedankengang am Assoziationsfaden des Elements: englisch
auf zwei frühere Gelegenheiten zurück, die die gleiche Eifersucht rege machen konnten. »Vor
einigen Tagen haben Sie einen Besuch in meinem Haus gemacht, aber leider nicht bei mir, bei
einem Herrn v. Freund.« Dieser Gedanke läßt ihn den Namen Freud in Freund verfälschen. Die
Freud-Ottorego im Vorlesungsverzeichnis muß herhalten, weil sie als Lehrerin des Englischen
die manifeste Assoziation vermittelt. Und dann schließt sich die Erinnerung an einen anderen
Besucher einige Wochen vorher an, auf den er gewiß ebenso eifersüchtig war, dem er sich aber
gleichfalls nicht gewachsen fühlen konnte, denn der Dr. Jones verstand es, eine Abhandlung über
den Alptraum zu schreiben, während er solche Träume höchstens selbst produzierte. Auch die
Erwähnung seines Irrtums in der Bedeutung von »a mare’s nest« gehört in denselben
Zusammenhang, sie kann nur sagen wollen: Ich bin ja doch kein richtiger Engländer, so wenig
wie ich ein richtiger Forsyth bin.
Ich kann nun seine Eifersuchtsregungen weder als unangemessen noch als unverständlich
bezeichnen. Er war darauf vorbereitet worden, daß seine Analyse und damit unser Verkehr ein
Ende finden werden, sobald wieder fremde Schüler und Patienten nach Wien kämen, und so
geschah es auch wirklich bald hernach. Aber was wir bisher geleistet haben, war ein Stück
analytischer Arbeit, die Aufklärung von drei in derselben Stunde vorgebrachten, von demselben
Motiv gespeisten Einfällen, und es hat nicht viel mit der anderen Frage zu tun, ob diese Einfälle
ohne Gedankenübertragung ableitbar sind oder nicht. Letztere stellt sich zu jedem der drei
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin