Seite - 300 - in Schriften von Sigmund Freud - (1856–1939)
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Einschiebung des Unbewußten zwischen das Physikalische und das bis dahin »psychisch«
Genannte hat uns die Psychoanalyse für die Annahme solcher Vorgänge wie die Telepathie
vorbereitet. Gewöhnt man sich erst an die Vorstellung der Telepathie, so kann man mit ihr viel
ausrichten, allerdings vorläufig nur in der Phantasie. Man weiß bekanntlich nicht, wie der
Gesamtwille in den großen Insektenstaaten zustande kommt. Möglicherweise geschieht es auf
dem Wege solch direkter psychischer Übertragung. Man wird auf die Vermutung geführt, daß
dies der ursprüngliche, archaische Weg der Verständigung unter den Einzelwesen ist, der im Lauf
der phylogenetischen Entwicklung durch die bessere Methode der Mitteilung mit Hilfe von
Zeichen zurückgedrängt wird, die man mit den Sinnesorganen aufnimmt. Aber die ältere
Methode könnte im Hintergrund erhalten bleiben und sich unter gewissen Bedingungen noch
durchsetzen, z. B. auch in leidenschaftlich erregten Massen. Das ist alles noch unsicher und voll
von ungelösten Rätseln, aber es ist kein Grund zum Erschrecken.
Wenn es eine Telepathie als realen Vorgang gibt, so kann man trotz ihrer schweren Erweisbarkeit
vermuten, daß sie ein recht häufiges Phänomen ist. Es würde unseren Erwartungen entsprechen,
wenn wir sie gerade im Seelenleben des Kindes aufzeigen könnten. Man wird da an die häufige
Angstvorstellung der Kinder erinnert, daß die Eltern alle ihre Gedanken kennen, ohne daß sie sie
ihnen mitgeteilt hätten, das volle Gegenstück und vielleicht die Quelle des Glaubens Erwachsener
an die Allwissenheit Gottes. Vor kurzem hat eine vertrauenswürdige Frau, Dorothy Burlingham,
in einem Aufsatz ›Kinderanalyse und Mutter‹ Beobachtungen mitgeteilt, die, wenn sie sich
bestätigen lassen, dem restlichen Zweifel an der Realität der Gedankenübertragung ein Ende
machen müssen. Sie machte sich die nicht mehr seltene Situation zunutze, daß sich Mutter und
Kind gleichzeitig in Analyse befinden, und berichtet aus derselben merkwürdige Vorfälle wie den
folgenden: Eines Tages erzählt die Mutter in ihrer Analysenstunde von einem Goldstück, das in
einer ihrer Kinderszenen eine bestimmte Rolle spielt. Gleich darauf, nachdem sie nach Hause
gekommen ist, kommt ihr kleiner, etwa zehnjähriger Junge zu ihr ins Zimmer und bringt ihr ein
Goldstück, das sie für ihn aufbewahren soll. Sie fragt ihn erstaunt, woher er es hat. Er hat es zu
seinem Geburtstag bekommen, aber der Geburtstag des Kindes liegt mehrere Monate zurück und
es ist kein Anlaß, warum sich das Kind gerade jetzt an das Goldstück erinnert haben sollte. Die
Mutter verständigt die Analytikerin des Kindes von dem Zusammentreffen und bittet sie, beim
Kind nach der Begründung jener Handlung zu forschen. Aber die Analyse des Kindes bringt
keinen Aufschluß, die Handlung hatte sich wie ein Fremdkörper in das Leben des Kindes an
jenem Tage eingedrängt. Einige Wochen später sitzt die Mutter am Schreibtisch, um sich, wozu
man sie gemahnt hatte, eine Notiz über das geschilderte Erlebnis zu machen. Da kommt der
Knabe herein und verlangt das Goldstück zurück, er möchte es in seine analytische Stunde
mitnehmen, um es zu zeigen. Wiederum kann die Analyse des Kindes keinen Zugang zu diesem
Wunsch auffinden.
Und damit wären wir zur Psychoanalyse zurückgekommen, von der wir ausgegangen sind.
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Schriften von Sigmund Freud
(1856–1939)
- Titel
- Schriften von Sigmund Freud
- Untertitel
- (1856–1939)
- Autor
- Sigmund Freud
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY-NC-ND 3.0
- Abmessungen
- 21.6 x 28.0 cm
- Seiten
- 2789
- Schlagwörter
- Psychoanalyse, Traumdeutung, Sexualität, Angst, Hysterie, Paranoia, Neurologie, Medizin
- Kategorien
- Geisteswissenschaften
- Medizin